Weihnachtsmützen

Boomtown – Die Montagskolumne aus Berlin

Nummer 08/1999 vom 13.12.1999

Vor nicht allzu langer Zeit gab es einen Film namens „Mars Attacks!“ Darin übernahmen böswillige Aliens teilweise in Menschengestalt die Macht über die Erde. Zumindest versuchten sie es, bis ein cleveres Bürschchen Ihnen allen mit Hilfe von grauenerregender Countrymusik den Garaus machte. Allen? Nein, einige von Ihnen haben überlebt und täglich werden es mehr. Interessanterweise sind sie auch leicht zu erkennen, doch niemand nimmt Ihre Existenz wahr. Äußerlich sehen sie aus wie ganz normale Menschen. Es ist nur ihre Kopfbedeckung, die sie outet: Sie sehen aus wie Weihnachtsmänner. Das heißt, sie sehen eben nicht so aus. Das wäre ja normal. Man würde sie für Schauspieler oder arme Studenten halten. Aber in Wahrheit sind es Büroangestellte, Handwerker, Verkäufer, Taxifahrer, Geschäftsführer. Sie alle gehen in ihrer Alltagskleidung durch die Stadt und tragen dabei eine weihnachtliche Zipfelmütze. Vom Fenster meines Büros aus kann ich gut beobachten, dass sie sich vermehren. Dort befindet sich eine kleine Baustelle. Noch vor drei Wochen verhielten sich die Arbeiter darauf völlig normal. Das heißt: sie standen herum, tranken Bier und sahen jeweils einem von ihnen bei der Arbeit zu. So normal sahen sie auch aus. Plötzlich lief der erste mit einer solchen Mütze herum. Ansonsten hatte sich nichts an ihm geändert. Eine Woche später waren es schon zwei. Inzwischen kann man täglich eine ganze Gruppe von Weihnachts-Bauarbeitern bei ihrer Tätigkeit beobachten. Ganze sieben rote Mützen mit weißer Bommel laufen mit Spaten und Hammer über den Platz, befestigen kleine Pflastersteine auf dem Weg, heben Löcher mit einem kleinen Bagger aus und schütten sie wieder zu, schrauben an irgendwelchen Rohren herum. Man kommt sich vor wie Schneewittchen bei den sieben Zwergen. Ihren Artgenossen begegnet man überall: in der U-Bahn, in der Kneipe, im Kino und am Imbiss-Stand, wo sie uns als Pommes-Verkäufer rot/weiß bedienen.
Aber warum tun diese Leute das? In der Natur gibt es das Phänomen der Anpassung an die Umwelt, welche das Überleben sichert. Dabei muss nicht jedes Tier gleich ein Chamäleon sein. Handelt es sich bei den Weihnachts-Aliens um besonders angepasste Menschen? Beginnt das Weihnachts-Gen in uns zu mutieren, wenn man monatelang Tag und Nacht, Stunde um Stunde mit Kerzen, Tannenbäumen, „White Christmas“ und Lichterketten gefoltert wird? Wie wird das enden? Werden uns im nächsten Frühjahr Osterhasen im Bus entgegenhoppeln?
Nachdenklich eine schöne Woche wünscht Leovinus.

(erschienen am 13.12.1999 im Forum des Berliner Zimmer )

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