Das Schloss (Auszug)

dachKarla, die Architektin, liebte ihr eigenes Haus nicht. Es war warm, es war nett und ließ sie immer wieder ein. Aber das Einzige, das Karla an ihrem Haus wirklich liebte, war das Dach. Sie hatte es fast allein gebaut, als sie die alte kleine Villa vor zehn Jahren gekauft hatte. Ehrlich gestanden, war das Dach der einzige Grund, weshalb sie noch in dem Haus lebte. Mit allem Übrigen – den Zimmern, dem großen Bad, dem Keller – hatte sie sich angefreundet. Sie fühlte sich wohl darin. Aber lieben konnte sie all das nicht.

Dem Haus selbst war es auch Recht. Es hatte sich schon immer ein solches Dach gewünscht und war Karla dankbar, dass sie es gebaut hatte und darum kümmerte. So spendete es der Frau Wärme, Trockenheit und bewahrte sie vor Dieben und Dummköpfen.

Das Dach war wirklich etwas ganz Besonderes. Fröhlich wirkte das Haus damit. Die beiden Fenster strahlten eine lebendige Freude aus. Stets kletterte Karla, wenn sie nach Haus kam, in den Dachboden, nur um sich an ihrem Werk zu erfreuen.

Das Dach schien Karla Aufgaben zu stellen. Oft fand sie versteckte undichte Stellen, die sie sofort ausbesserte. Manchmal suchte sie danach. Es blieb das Dach und damit das ganze Haus stets in Ordnung, und alle, die es besuchten, fühlten sich geborgen.

Die Häuser der anderen Ortsbewohner schaute sich Karla an, wenn sie abends nach Hause radelte. Einige gefielen ihr, einige nicht, egal aber war ihr keins. Karla fuhr jeden Tag eine andere Strecke, um möglichst viele fremde Gebäude zu sehen.

An einem Sommerabend geriet sie in eine abgelegene Straße, die sie bislang für eine Sackgasse gehalten und deshalb gemieden hatte. Sie bog um die Ecke. Tatsächlich sah sie zunächst nichts Überraschendes. Eine alte Villa, ähnlich der ihren, doch sichtbar verfallener, ein viel zu modernes Zweifamilienhaus. Schließlich eine eingezäunte Wiese.

Karla stieg vom Rad. Es war wirklich eine außergewöhnlich große Wiese für hiesige Verhältnisse.

Am Ende der Wiese stand ein blaues Haus.

(2006)

Den kompletten Text kann man in meinem Buch „Am Donnerstag hat Gott Geburtstag“ lesen.

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