{"id":99,"date":"2005-05-26T00:00:35","date_gmt":"2005-05-25T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=99"},"modified":"2013-07-26T14:50:02","modified_gmt":"2013-07-26T12:50:02","slug":"regen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=99","title":{"rendered":"Regen"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><a href=\"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/regentropfen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-412 alignright\" style=\"border: 0px;\" alt=\"regentropfen\" src=\"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/regentropfen-243x300.jpg\" width=\"219\" height=\"270\" srcset=\"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/regentropfen-243x300.jpg 243w, https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/regentropfen.jpg 372w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a>Seit einer Woche hungerte der magere Sindh-Sartha lotus-sitzend in seiner Grube bei Oranienburg.<\/p>\n<p>Neben dem Erdloch des Inders stand ein Kofferradio. Der Wetterbericht versprach keine Neuigkeiten. 35 Grad, heiter, trocken. Der Sprecher konnte trotz der Sensation seine Langeweile nicht verbergen. Sechs Wochen hatte es in Berlin und Brandenburg keinen Tropfen geregnet. Die meisten Bauern hatten die Ernte sausen lassen und waren in den Urlaub geflohen. Wenn schon Pleite, dann mit Spa\u00df.<\/p>\n<p>Nachdem auf RTL-II live eine Kuh verdurstet war, konnte auch die Presse nichts Gescheites mehr aus dem Thema herausholen.<\/p>\n<p>Nur Jonas T., ein flinker Zeitungs-Reporter, hatte den richtigen Riecher. In seiner Redaktion galt er als Spezialist f\u00fcr ungew\u00f6hnliche M\u00e4nner. Wie er in diese Rolle geraten war, konnte er sich auch nach Jahren nicht erkl\u00e4ren. Er hockte neben Sindh-Sarthas Grube und redete auf ihn ein.<\/p>\n<p>\u00bbWie lange wollen Sie in dem Loch bleiben?\u00ab fragte er.<\/p>\n<p>\u00bbGehen Sie fort\u00ab, sagte der Inder leise.<\/p>\n<p>\u00bbWie sind Sie auf diese Idee gekommen?\u00ab bohrte Jonas weiter.<\/p>\n<p>\u00bbSie sollen gehen\u00ab, wiederholte Sindh-Sartha. \u00bbSonst funktioniert es nicht.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWas funktioniert nicht?\u00ab<\/p>\n<p>Schweigen war die Antwort.<\/p>\n<p>\u00bbIch gehe, wenn Sie sagen, warum Sie in dem Loch sitzen.\u00ab<\/p>\n<p>Der sanfte Sindh-Sartha seufzte. \u00bbDas ist kein Loch, das sind die geweihten vier W\u00e4nde.\u00ab<\/p>\n<p>Na endlich, dachte Jonas und schrieb.<\/p>\n<p>\u00bbWarten Sie auf Regen? &#8230; \u00ab Jonas \u00fcberlegte. \u00bbSie warten nicht auf den Regen, Sie wollen ihn machen, stimmt\u2019s?\u00ab<\/p>\n<p>Der Inder blieb stumm.<\/p>\n<p>Jonas grinste. \u00bbSie sind ein Guru, oder? Woher kommen Sie?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbLassen Sie mich allein\u00ab, antwortete Sindh-Sartha.<\/p>\n<p>Jonas forschte: \u00bbIst es wichtig, dass Sie allein sind? Funktioniert der Trick sonst nicht?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbTrick!\u00ab fauchte der Inder schwach.<\/p>\n<p>\u00bbWas ist es dann? Eine Beschw\u00f6rung?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbGehen Sie endlich.\u00ab<\/p>\n<p>Jonas rieb sich die H\u00e4nde. \u00bbGuter Mann. Entweder Sie reden mit mir, dann erf\u00e4hrt vorher niemand etwas von Ihrem Vorhaben, oder ich veranstalte heute Abend an Ihren geweihten vier W\u00e4nden eine Mords-Pressekonferenz.\u00ab<\/p>\n<p>Sindh-Sartha sah ihn misstrauisch an.<\/p>\n<p>Jonas holte sein Handy heraus und winkte ihm damit zu. Der Inder drehte den Kopf fort.<\/p>\n<p>Jonas suchte eine Nummer im Telefonbuch. Sindh-Sartha summte unruhig vor sich hin.<\/p>\n<p>Der Reporter dr\u00fcckte den W\u00e4hlknopf, lauschte kurz und sprach: \u00bbHallo, Nina-Sch\u00e4tzchen, h\u00f6r zu: Neben mir sitzt ein d\u00fcnner Kerl in einem Loch und &#8230; warte mal. Ich ruf gleich noch mal an.\u00ab Sindh-Sartha hatte sich erhoben.<\/p>\n<p>\u00bbGut\u00ab, sagte er. \u00bbF\u00fcnf Fragen. Dann gehen Sie und lassen sich nicht wieder blicken.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbZehn\u00ab, antwortete Jonas.<\/p>\n<p>\u00bbSieben\u00ab, konterte der Inder und hielt die Hand hoch. Jonas schlug ein.<\/p>\n<p>\u00bbErste Frage: Woher kommen Sie und wie hei\u00dfen Sie?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch komme aus einem kleinen Dorf in Indien. Ich hei\u00dfe Sindh-Sartha Schulz. Jetzt die dritte Frage.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSindh-Sartha Schulz?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa. Vierte Frage.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWarum sitzen Sie in der Grube? Es w\u00e4re nett, wenn Sie etwas ausf\u00fchrlicher antworten k\u00f6nnten.\u00ab<\/p>\n<p>Ein leichtes L\u00e4cheln umspielte den Mund des Gurus. \u00bbEs ist meine Pflicht. Ausf\u00fchrlich genug?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbHerr Schulz, so geht das nicht.\u00ab Jonas sprang auf. \u00bbWer soll das lesen \u2013 der Inder Schulz sitzt in einem Oranienburger Loch, weil er es f\u00fcr seine Pflicht h\u00e4lt?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAntwort F\u00fcnf: Das ist mir gleichg\u00fcltig. Sie sollten nicht so verschwenderisch sein mit Ihren Fragen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Reporter nahm Platz und sagte nichts. Eine Viertelstunde lang.<\/p>\n<p>Sindh-Sartha wackelte hin und her. Dieser Schreibmensch sollte seine beiden Fragen stellen und gehen. Bald w\u00fcrde die D\u00e4mmerung hereinbrechen. Bliebe der Reporter hier, w\u00fcrde dies die Sache stark verkomplizieren. Sindh-Sartha mochte kein Risiko.<\/p>\n<p>\u00bbWas wollen Sie noch wissen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch muss \u00fcberlegen\u00ab, sagte Jonas und schaute ihn an. Abwarten, dachte er. Was der kann, kann ich schon lange. Und Jonas schwieg, eine weitere Viertelstunde verging.<\/p>\n<p>Die Baumspitzen am nahen Wald f\u00e4rbten sich dunkel. Der Himmel begann rot zu leuchten.<\/p>\n<p>Der Guru merkte, wie ihm die Zeit davon lief. Bei Einbruch der Nacht musste er allein sein. Er wollte nicht in den gleichen Schlamassel geraten wie der Kollege, der neulich erstickt war. Ein Kompromiss musste her.<\/p>\n<p>\u00bbGut: Stellen Sie mir zehn Fragen. Aber tun Sie es jetzt und verschwinden endlich.\u00ab<\/p>\n<p>Jonas grinste triumphierend. \u00bbWarum wollen Sie &#8230;\u00ab<\/p>\n<p>Ein Brummen unterbrach ihn. \u00dcber dem Wald, der sich weiter verdunkelte, raste ein Hubschrauber heran. Als er nahe genug war, erkannte auch Sindh-Sartha, dass ein Seil daran baumelte, an welchem wiederum eine langhaarige, schlanke Frau sich festhielt.<\/p>\n<p>\u00bbNina!\u00ab rief Jonas. Ein paar Schritte von der H\u00fctte entfernt, war sie dicht genug am Boden. Sie sprang hinab und lief zu den M\u00e4nnern. Unmittelbar danach kletterte ein b\u00e4rtiger H\u00fcne in Motorrad-Kluft mit einer Kamera ebenfalls am Seil und st\u00fcrmte der Frau hinterher.<\/p>\n<p>Der Guru schloss resigniert die Augen.<\/p>\n<p>Jonas war aufgestanden und umarmte Nina freundschaftlich und skeptisch. \u00bbWas suchst du denn hier?\u00ab<\/p>\n<p>Nina feixte. \u00bbDeine Redaktion wusste, wo du ungef\u00e4hr steckst. Da brauchte ich nur noch den Hubschrauber und hier bin ich. Er hei\u00dft \u00fcbrigens Harry\u00ab, erg\u00e4nzte sie und zeigte auf den Kameramann.<\/p>\n<p>\u00bbDas ist meine Story!\u00ab fluchte Jonas.<\/p>\n<p>\u00bbJetzt geh\u00f6rt sie mir auch.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDie Geschichte geh\u00f6rt niemandem. Au\u00dfer mir\u00ab, lie\u00df sich nun der Inder aus seiner Grube vernehmen.<\/p>\n<p>Die Medienmacher hielten inne.<\/p>\n<p>Der Inder hatte einen Entschluss gefasst. Drei ausgewachsene Presseleute konnte er nie vertreiben.<\/p>\n<p>\u00bbIch muss Sie bitten\u00ab, fuhr er fort, \u00bbmich jetzt einzugraben. Es wird dunkel.\u00ab<\/p>\n<p>Jonas und Nina starrten sich ratlos an. Doch auch eine heftige Diskussion konnte den Inder nicht von seinem Wunsch abbringen. Er beharrte darauf, dass sie ihn vollst\u00e4ndig eingraben m\u00fcssten, weil sonst ein schrecklicher Fluch \u00fcber das Land k\u00e4me. Irgendwann waren Jonas und Nina am Ende ihres Lateins. Harry stellte fest: \u00bbDas ist wohl Zeitverschwendung. Wo gibt\u2019s Schippen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbHinter dem Haus\u00ab, antwortete Sindh-Sartha. \u00bbBringen Sie bitte auch die Trompete mit, die dort liegt.\u00ab<\/p>\n<p>Schulterzuckend stiefelte Harry los. Mit zwei gro\u00dfen Spaten und dem Instrument kehrte er zur\u00fcck. Ein Werkzeug reichte er Jonas, die Trompete gab er dem Inder und seine Kamera dr\u00fcckte er Nina in die Hand. Schlie\u00dflich sollte das Ganze sich auch lohnen.<\/p>\n<p>Nina filmte. Als Sindh-Sartha bis zum Hals im m\u00e4rkischen Sand steckte, schaltete sie ab. Harry und Jonas wischten sich den Schwei\u00df von der Stirn. Harrys Anteil an der Arbeit war deutlich gr\u00f6\u00dfer gewesen, worum ihn Jonas heimlich beneidete.<\/p>\n<p>\u00bbSind Sie ganz sicher?\u00ab, fragte Jonas den Kopf des Gurus zum zwanzigsten Mal.<\/p>\n<p>\u00bbGanz sicher\u00ab, best\u00e4tigte dieser. \u00bbUnd kommen Sie ja nicht auf die Idee, mich wieder auszugraben. Wir k\u00f6nnten es alle bereuen.\u00ab<\/p>\n<p>Jonas holte Luft, doch Sindh-Sartha unterbrach ihn: \u00bbErst wenn ich Trompete spiele, ist die Zeit herum. Machen Sie nun rasch, es wird Nacht.\u00ab<\/p>\n<p>Jonas behielt die Frage, wie denn der Inder in all dem Sand Trompete spielen wolle, f\u00fcr sich. Die letzten f\u00fcnfzehn Male, die er sie gestellt hatte, hatte er keine vern\u00fcnftige Antwort bekommen.<\/p>\n<p>Langsam verschwand Sindh-Sarthas Kopf unter der Erde. Mit mulmigen Gef\u00fchl schippten sie noch einen kleinen H\u00fcgel auf und setzten sich hin. Stockfinstere Nacht herrschte. Lediglich die Kontrollleuchten an der Kamera spendeten Licht.<\/p>\n<p>Sie schauten sich an.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich fragte Nina: \u00bbWie lange kann ein Mensch eigentlich ohne Luft leben?\u00ab<\/p>\n<p>Jonas hob die H\u00e4nde. \u00bbWei\u00df nicht. So ein Perlentaucher h\u00e4lt es wohl zehn Minuten unter Wasser aus.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbQuatsch\u00ab, brummte Harry. \u00bbH\u00f6chstens vier Minuten. Steht im Internet.\u00ab<\/p>\n<p>Er schaute auf die Uhr. Drei Minuten waren vergangen, seit sie die Schippen beiseite gelegt hatten.<\/p>\n<p>Harry fragte: \u00bbHast du es aufgenommen, Nina? Das letzte Mal war alles verwackelt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSind das deine ganzen Sorgen? Wir k\u00f6nnen froh sein, wenn der sich bald meldet. Sonst sind wir geliefert.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas glaubt uns eh kein Mensch\u00ab, f\u00fcgte Jonas hinzu.<\/p>\n<p>Er z\u00fcndete sich eine Zigarette an. Nina zog die Augenbrauen hoch. \u00bbIch denke, du rauchst nicht mehr?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSo ist es\u00ab, gab Jonas zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u00bbDann reich mir auch eine.\u00ab<\/p>\n<p>Nina schaute auf die Uhr. Sieben Minuten vorbei.<\/p>\n<p>\u00bbIch halte das nicht aus.\u00ab Sie sprang auf und griff zu einem Spaten. Harry hielt sie fest. \u00bbDu hast doch geh\u00f6rt, was er gesagt hat. Erst wenn er Trompete spielt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbQuatsch.\u00ab Nina riss sich los. \u00bbDer kann da unten nicht Trompete spielen. Der erstickt!\u00ab Sie begann zu graben.<\/p>\n<p>Doch unter dem kleinen H\u00fcgel, den die M\u00e4nner aufgeschichtet hatten, lag nur weitere Erde. Nina grub und grub. Sie fand nichts als immer mehr Sand.<\/p>\n<p>\u00bbWo ist der geblieben?\u00ab Nina hockte sich auf die Erde und heulte. Harry und Jonas griffen zeitgleich zur anderen Schaufel. Harry hatte sie eben Jonas entwunden, als beide innehielten.<\/p>\n<p>Hinter der H\u00fctte des Inders ert\u00f6nte eine laute, unbeherrschte Stimme: \u00bbIch sagte doch, dass Sie warten sollen!\u00ab Der Guru bog um die Ecke und schaute die verdutzten Medienmacher w\u00fctend an. \u00bbWas haben Sie nur angerichtet!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWie konnten Sie denn da &#8230; Au!\u00ab Harry hielt sich die Stirn. Er suchte auf dem Boden, was ihm auf den Kopf gefallen war.<\/p>\n<p>\u00bbAua!\u00ab Auch Nina war von etwas getroffen worden. Sie blickte nach oben und bekam gleich noch etwas ab.<\/p>\n<p>\u00bbWas ist das?\u00ab fragte Jonas und sah ebenfalls gen Himmel. \u00bbAu!\u00ab<\/p>\n<p>Harry hob eine silberne Scheibe auf. \u00bbEine DVD\u00ab, stellte er fest und las: \u00bbPretty Woman \u2013 mit Julia Roberts und Richard Gere.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDie hier auch\u00ab, bemerkte Jonas. Auch Nina hielt eine in der Hand und nickte.<\/p>\n<p>\u00bbWo kommen die her?\u00ab<\/p>\n<p>Der Guru hob die H\u00e4nde in die Luft, als k\u00f6nne er so viel Unverstand nicht glauben. \u00bbWo kommen die her, wo kommen die her! Vom Himmel nat\u00fcrlich! H\u00e4tten Sie nicht angefangen zu graben, w\u00e4re jetzt alles in Ordnung. Es w\u00fcrde Wasser regnen und das ganze Land w\u00e4re gl\u00fccklich. Stattdessen regnet es jetzt dieses \u2013 dieses Zeug! Au!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSie meinen\u00ab, vergewisserte sich Jonas, \u00bbin ganz Berlin-Brandenburg fallen jetzt Richard-Gere-DVDs vom Himmel?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSicher! Warum haben Sie nicht auf mich geh\u00f6rt? Jetzt wird die ganze Sache nat\u00fcrlich noch umst\u00e4ndlicher!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbK\u00f6nnen wir etwas tun, damit das aufh\u00f6rt?\u00ab fragte Nina. Sie steckte schon bis zu den Kn\u00f6cheln in Pretty-Woman-Scheiben.<\/p>\n<p>Der Guru schaute sie an. \u00bbIch wei\u00df nicht, ob Sie das wirklich wollen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNun machen Sie schon, sagen Sie es!\u00ab rief Jonas verzweifelt und schlug um sich. Der DVD-Regen schien st\u00e4rker zu werden.<\/p>\n<p>\u00bbMeine Aufgabe ist es\u00ab, begann Sindh-Sartha z\u00f6gernd, \u00bbnicht nur Regen, sondern vor allem Liebe in die Welt zu bringen. Deshalb sehe ich noch eine Chance&#8230;\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbLos!\u00ab hetzte Nina. Waren bis eben nur die blanken Scheiben vom Himmel gefallen, gesellten sich nun die Verpackungen dazu, die weitaus schmerzhafter trafen.<\/p>\n<p>\u00bbSie m\u00fcssen sich k\u00fcssen und sagen: \u201aIch liebe dich\u2019\u00ab, erkl\u00e4rte der Guru.<\/p>\n<p>\u00bbDas geht dann wohl doch zu weit!\u00ab protestierte Nina. \u00bbHast Du dir das ausgedacht?\u00ab schnauzte sie Jonas an.<\/p>\n<p>\u00bbVerstehen Sie denn gar nichts?\u00ab, unterbrach Sindh-Sartha sie. \u00bbNur wahre Liebe kann &#8230; ah!\u00ab Der Guru sank ohnm\u00e4chtig zu Boden. Ein Paket mit 20 De-Luxe-Ausgaben hatte ihn hart an der Schl\u00e4fe getroffen.<\/p>\n<p>\u00bbHerr Schulz!\u00ab Jonas st\u00fcrzte auf ihn zu. Doch seine Augen blieben geschlossen. \u00bbVerdammt, was machen wir jetzt?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAm besten, ihr tut erst mal, was er gesagt hat\u00ab, mischte sich Harry ein und wich geschickt einem 50-Exemplare-Vorteilspack aus. \u00bbSonst geht das ganze Land im \u201aPretty-Woman\u2019-Tsunami unter.\u00ab<\/p>\n<p>Nina ging vorsichtig auf Jonas zu. \u00bbHerrje, dann lass es uns hinter uns bringen. Hoffentlich n\u00fctzt es was.\u00ab<\/p>\n<p>Mit unbeteiligten Mienen dr\u00fcckten sie ihre Lippen aufeinander und wandten die Blicke ab. \u00bbIch liebe dich\u00ab, sagte Harry.<\/p>\n<p>\u00bbWas?\u00ab fragte Jonas.<\/p>\n<p>\u00bbDu sollst noch sagen: Ich liebe dich, sonst wirkt es nicht.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch liebe dich\u00ab, sagte Jonas gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p>Der Niederschlag lie\u00df ein bisschen nach. Dennoch wuchs der Berg zu ihren F\u00fc\u00dfen immer weiter.<\/p>\n<p>\u00bbWir m\u00fcssen den Guru wecken. Hier stimmt was nicht.\u00ab Jonas gab dem Alten ein paar Backpfeifen, die nichts halfen.<\/p>\n<p>\u00bbLass mich mal\u00ab, meinte Nina und kniete sich schwungvoll auf den Brustkorb des Liegenden.<\/p>\n<p>\u00bbDu bringst ihn ja um!\u00ab schrie Harry. \u00bbEr ist doch nur bewusstlos! Hier, reib ihm das unter die Nase. Ist \u201eMystery for Men\u201c.\u00ab<\/p>\n<p>Nina wedelte mit der Parf\u00fcm-Flasche vor der Nase des Inders. Verwundert schlug dieser schwach die Augen auf.<\/p>\n<p>\u00bbRichard Gere regnet noch\u00ab, fl\u00fcsterte er. \u00bbSie sollen k\u00fcssen &#8230; k\u00fcssen &#8230;\u00ab Erneut versank er in der Ohnmacht.<\/p>\n<p>Harry sagte: \u00bbIch hab mal gelesen, dass der Regen sich in Wasser h\u00e4tte verwandeln m\u00fcssen und die K\u00fcssenden einander in Liebe verfallen. Ihr w\u00e4ret bis ans Ende eurer Tage gl\u00fccklich. Probiert es doch noch mal!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbKeinesfalls!\u00ab kam es wie aus einem Munde von Jonas und Nina.<\/p>\n<p>Harry \u00fcberlegte weiter. Was w\u00e4re wenn&#8230;?<\/p>\n<p>Die Bewunderung des Reporters Jonas f\u00fcr den Kameramann Harry stieg. Jonas seinerseits dachte: \u201aWas der alles wei\u00df, Hut ab. Mit dem sollte ich auch mal ein Interview f\u00fchren.\u2019<\/p>\n<p>Harry unterbrach seinen Gedanken. \u00bbVielleicht wollte der Guru ja, dass ich&#8230;\u00ab, fragte er ruhig.<\/p>\n<p>\u00bbNein!!!\u00ab Ninas Augen funkelten w\u00fctend, als w\u00e4ren sie Doppel-DVDs. \u00bbIch bin doch keine K\u00fcssmaschine.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas meinte ich auch nicht\u00ab, sagte Harry vorsichtig.<\/p>\n<p>Nina atmete erleichtert auf. Dann blieb ihr der Mund offen stehen.<\/p>\n<p>Jonas grinste noch \u00fcber den Vorschlag, ehe seine Mundwinkel zu Boden fielen.<\/p>\n<p>Nina rief: \u00bbNat\u00fcrlich! Los, los &#8211; mach schon!\u00ab<\/p>\n<p>Jonas verharrte begriffsstutzig. \u00bbWas soll ich machen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbK\u00fcss ihn und sage \u201aIch liebe dich.\u2019\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIhn?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa, mich, du Hornochse\u00ab, sagte der bullige Kameramann und trabte auf Jonas zu.<\/p>\n<p>Er nahm ihn in den Arm und k\u00fcsste ihn. \u00bbIch liebe dich.\u00ab<\/p>\n<p>Es fielen noch ein paar Richard Geres und Julia Roberts\u2019 vom Himmel. Doch weil Harry Jonas nicht wieder loslassen wollte, und Jonas auch Harry immer noch fester hielt, verwandelte sich der Rest der Scheiben in klares Regenwasser. Irgendwie \u2013 Jonas konnte es sich nicht erkl\u00e4ren \u2013 f\u00fchlte sich alles richtig an. \u201aHarry\u2018, dachte er, \u201aendlich.\u2018<\/p>\n<p>Harry dachte \u2026 gar nichts. Routiniert und gef\u00fchlvoll hielt er Jonas im Arm und streichelte ihn z\u00e4rtlich. Der gl\u00e4nzende Boden, auf dem das Paar stand, schwankte, schmolz schlie\u00dflich dahin und versank in der Tiefe des Erdreichs.<\/p>\n<p>Der Guru aber erhob sich und spielte das sch\u00f6nste Trompetensolo, das Berlin und Brandenburg geh\u00f6rt hatten.<\/p>\n<p>Und wenn sie nicht gestorben sind sitzen sie bis heute vor dem Fernseher und schauen \u00bbPretty Woman\u00ab.<\/p>\n<p>( etwa 2005)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":412,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,6],"tags":[78,76,81,80,77,22,79,82],"class_list":["post-99","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2000-bis-2005","category-geschichten","tag-dvd","tag-guru","tag-hitze","tag-hungern","tag-julia-roberts","tag-regen","tag-reporter","tag-richard-gere"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=99"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":488,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99\/revisions\/488"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=99"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=99"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=99"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}