{"id":87,"date":"2009-01-14T20:44:09","date_gmt":"2009-01-14T18:44:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=87"},"modified":"2013-07-26T14:49:26","modified_gmt":"2013-07-26T12:49:26","slug":"kekse-naschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=87","title":{"rendered":"Kekse naschen"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><a href=\"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/kekse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-410 alignright\" style=\"border: 0px;\" alt=\"kekse\" src=\"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/kekse-300x190.jpg\" width=\"270\" height=\"171\" srcset=\"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/kekse-300x190.jpg 300w, https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/kekse-473x300.jpg 473w, https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/kekse.jpg 581w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a>Wie ich hierher geraten bin \u2013 ich wei\u00df es nicht. Aber freiwillig habe ich mich garantiert nicht in diese v\u00f6llige Schw\u00e4rze begeben.<\/p>\n<p>Als ich Kind war, hat mich Mutter immer in die kleine Kammer eingesperrt, wenn ich verbotenerweise an den Keksen war. Zwischen Besen und Werkzeug. Ich glaube, ich h\u00e4tte lieber eine Tracht Pr\u00fcgel bekommen, statt mich ewig in der Dunkelheit zu f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist das wieder so ein Streich von Schulzhofer, Professor Schulzhofer. Letzten August hat der den Braun mit zwei Flaschen Whisky abgef\u00fcllt, mitten auf dem Acker ausgesetzt und sich halbtot gelacht, als der auf einem M\u00e4hdrescher nach Hause gefahren wurde. So ein Bes\u00e4ufnis k\u00f6nnte die m\u00f6rderischen Kopfschmerzen erkl\u00e4ren, mit denen ich vor einer Viertelstunde aufgewacht bin. Oder ist es eine halbe Stunde her? Ob ich einfach mal rufe? Aber was eigentlich \u2013 hallo, Hilfe, h\u00f6rt mich jemand!? Ich mach mich doch nicht l\u00e4cherlich. Wahrscheinlich sitzen die jetzt alle irgendwo und am\u00fcsieren sich k\u00f6stlich \u00fcber den bl\u00f6den Wesselmeyer, der in einem schwarzen stummen Loch herum tapst und den Ausgang sucht. Die Krautfahn, deren Bl\u00f6dheit nur von der Gr\u00f6\u00dfe ihrer Titten \u00fcbertroffen wird, kriegt sich wahrscheinlich nicht mehr ein. Und Lobetanz steht hinter ihr, t\u00e4tschelt ihr den R\u00fccken und grinst d\u00e4mlich. H\u00e4tte gut passieren k\u00f6nnen, dass er selbst jetzt hier sitzt. Neben den beiden steht Eckehart Braun im unvermeidlichen blau-karierten Hemd. Seine Frau fand die Dinger vom ersten Tag an gr\u00e4sslich. Sie hat es mir selbst gesagt, letzte Woche, w\u00e4hrend Braun in D\u00fcsseldorf auf einem dieser \u00fcberfl\u00fcssigen Kongressen herumv\u00f6gelte. Ihre Wohnung ist zwar nicht mein Geschmack, aber das Schlafzimmer ist phantastisch.<\/p>\n<p>Sch\u00e4tze, die haben hier eine Infrarot-Kamera installiert und hocken vor einem Monitor. Professor Schulzhofer sitzt am Arbeitsplatz und schaut ab und zu r\u00fcber. Wo, um Himmels Willen gibt es noch eine derart lichtlose Dunkelheit und \u2013 vor allem \u2013 eine solch massive Stille? Kein Brummen, kein Knirschen, nur meine eigenen Bewegungen verursachen Ger\u00e4usche, fremde Ger\u00e4usche. Zu laut, um mich in Sicherheit zu wiegen.<\/p>\n<p>Mutter meinte immer, wenn ich artig w\u00e4re, d\u00fcrfte ich wieder raus. Nat\u00fcrlich sehr witzig, wenn sie von drau\u00dfen abgeschlossen hat. Au\u00dferdem war ich mir ja nie einer Schuld bewusst. Kekse sind zum Naschen da, oder? Ist doch nicht meine Schuld, wenn die offen herumstehen.<\/p>\n<p>Ich taste mich vorw\u00e4rts. Es muss doch m\u00f6glich sein, herauszubekommen, wie gro\u00df dieses Zimmer ist. Meine Schritte hallen. F\u00fcnfzehn, zwanzig, drei\u00dfig \u2013 ein Saal? Wesselmeyer, rei\u00df dich zusammen, mit wem hast du gestern gesoffen? War ich \u00fcberhaupt trinken? Vermutlich sa\u00df ich bis in die Puppen im Labor und habe Statistiken ausgewertet, weil \u2026 ja, zumindest das wei\u00df ich wieder: Heute geht der neue Beschleuniger in Betrieb. Jahrelang haben die hohen Herren Wissenschaftler an dem kilometerlangen Teil herum get\u00fcftelt. Die besten Ingenieure des Kontinents haben es zusammengeschraubt und heute, genau acht Uhr drei\u00dfig wird eingeschaltet. Erst Abschnitt A, dann Abschnitt D, dann B und zum Schluss Abschnitt C. Warum man die Abschnitte nicht in der richtigen Reihenfolge benannt hat, konnte mir nicht mal der Schulzhofer erkl\u00e4ren. Nach dem Einschalten geht\u2019s los: In drei\u00dfig Minuten von plus zwanzig auf minus 10 Grad und immer weiter im Stundentakt, bis zum absoluten Nullpunkt. Protonen werden durchgejagt und wir schauen, was passiert. Ich selbst bin nur ein kleines Licht. Aufarbeiten der ersten Analysen, Diagramme erstellen, pipapo. Zum Gl\u00fcck haben die mich da nicht eingesperrt. Darin herrscht ein kakophonischer Radau. Dagegen bin ich fast so allergisch wie gegen diese gnadenlose Stille.<\/p>\n<p>Zum gro\u00dfen Sekt-Ansto\u00dfen werde ich wohl nicht p\u00fcnktlich sein. Bestimmt schon zweihundert Meter gelaufen und noch immer kein Ende. Eine elend lange H\u00f6hle. Immerhin, an den Seiten kommt man schon nach ein paar Schritten nicht mehr weiter. Rechts und links w\u00f6lbt sich der Boden und geht nahtlos in die Wand \u00fcber. Welcher Verr\u00fcckte baut so ein Zimmer, noch dazu in dieser Gr\u00f6\u00dfe?<\/p>\n<p>Langsam, ganz langsam verschwinden wenigstens die Kopfschmerzen. Liegt wahrscheinlich daran, dass es jetzt hier etwas k\u00fchler geworden ist. Immerhin wird der Kopf klarer. Genau: Gestern war doch diese Party vom Schulzhofer, jaja, Professor Schulzhofer. Hat einen auf Kumpel gemacht und alle ins beste Hotel der Stadt geladen. Hab ich mich da so besoffen? Hoffentlich hab ich nichts gemacht, was ich heute bereuen w\u00fcrde. Etwa von den Keksen genascht. Ob mich die Kellner in den Weinkeller geworfen haben?<\/p>\n<p>Ich setz mich erst mal. Halleluja, jetzt wird\u2019s wirklich frisch. Der Boden ist schon eiskalt. Ich in meinem d\u00fcnnen Hemd. Und so eine Krawatte h\u00e4lt auch nicht eben warm.<\/p>\n<p>Also besser weiterlaufen, durch die dunkle kalte Br\u00fche tasten, irgendwann muss ja mal ein Ausgang kommen, wenigstens ein Notlicht oder Gullydeckel.<\/p>\n<p>Als Kind bin ich irgendwann schlauer geworden. Weil ich ja wusste, dass ich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wieder in der Kammer landen w\u00fcrde, hab ich dort eine Taschenlampe und einen Comic versteckt. So konnte ich in Frieden von den Keksen naschen und hatte trotzdem eine sch\u00f6ne Zeit.<\/p>\n<p>Jetzt wei\u00df ich wieder, dass ich keinesfalls randaliert habe. Nach der Party bin ich n\u00e4mlich noch zu Eckehart, den mit den karierten Hemden und dem tollen Schlafzimmer. Er selber war nat\u00fcrlich nicht da, nur seine Frau. Aber wer ist am vierten Advent schon gern allein?<\/p>\n<p>Das Praktische am Verh\u00e4ltnis mit der Braun ist, dass die ihre Wohnung unmittelbar neben dem Institut haben. Nur ein paar Schritte und schon ist man in einer komplett anderen Welt. Ob der Braun wei\u00df, dass ich regelm\u00e4\u00dfig an seine Keksdose gehe und mich danach in meine Kammer verziehe?<\/p>\n<p>Meine Finger zittern, w\u00e4hrend sie die W\u00e4nde nach einer Unebenheit abtasten. Ergebnislos. Ich friere, bestimmt habe ich schon blaue Lippen. Wenigstens hei\u00dft das, dass ich in die richtige Richtung laufe. Drau\u00dfen sind schlie\u00dflich um die minus 5 Grad. Hoffentlich bin ich in der N\u00e4he des Instituts. Da kann ich mich auf der Toilette frisch machen und niemand wird merken, dass ich total versp\u00e4tet bin.<\/p>\n<p>Ich kann nicht mehr richtig denken. Was hab ich blo\u00df gemacht, als ich von der Braun weg bin? Hab ich mich verlaufen? Ich kann mich nicht erinnern, mich angezogen zu haben, ja nicht einmal daran, wie ich die Braun ausgezogen habe. Filmriss.<\/p>\n<p>Jetzt kommen die Kopfschmerzen wieder. Irgend etwas summt nun, aber eine Kamera ist das nicht. Da hinten flackert doch etwas. Jetzt f\u00e4llt es mir wieder ein: Die Braun l\u00e4sst mich in die Wohnung und ins Schlafzimmer gehen wir auch, und wie weiter?<\/p>\n<p>Das Flackern wird nun langsam zum Licht, schwierig, sich nach der langen Zeit daran zu gew\u00f6hnen. Es wird immer greller, ich kann nichts erkennen. Auch das Brummen wird kr\u00e4ftiger.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich stand die Braun da. Sie schreit. Etwas knallt auf meinen Hinterkopf. Gr\u00fcnes Flaschenglas splittert. Ich sehe Sterne und denke: Sind doch noch zwei Wochen bis Silvester. Danach ist Ende.<\/p>\n<p>So, Wesselmeyer, jetzt versuch mal, vorsichtig die Augen zu \u00f6ffnen. Was ist das? An der Decke R\u00f6hren, Kabel, Ger\u00e4te\u2026 Im Herbst hatte Braun, der Angeber, eine F\u00fchrung durch den Beschleuniger f\u00fcr die unteren Chargen organisiert, weil er als einziger von uns den Code f\u00fcrs Rein- und Rauskommen kennt. Ich Idiot! Es waren die Bauarbeiten, die den Radau verursachten. Da hinten, da geht doch eine Gestalt und dr\u00fcckt ein paar Hebel. Kariertes Hemd. Hey, Braun, verdammt warte!<\/p>\n<p>Mutter kam meistens nach etwa einer halben Stunde, um die Holzt\u00fcr aufzuschlie\u00dfen. Hier gibt\u2019s nur meterdicke Stahlw\u00e4nde und nicht mal eine Kamera. Braun verschwindet. Die Dunkelheit kehrt zur\u00fcck. Das ist Abschnitt C, eingeschaltet um acht Uhr f\u00fcnfundvierzig. Morgen werden hier minus 270 Grad herrschen.<\/p>\n<p>Ich werde nie wieder von den Keksen naschen, Mama.<\/p>\n<p>(2009)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":410,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,6],"tags":[29,60,27,61],"class_list":["post-87","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2006-bis-2010","category-geschichten","tag-betrug","tag-ehe","tag-tod","tag-wissenschaftler"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=87"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/87\/revisions\/89"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/410"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=87"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=87"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=87"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}