{"id":332,"date":"2001-01-15T16:00:24","date_gmt":"2001-01-15T14:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=332"},"modified":"2013-06-21T14:45:51","modified_gmt":"2013-06-21T12:45:51","slug":"depressionen-leicht-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=332","title":{"rendered":"Depressionen leicht gemacht"},"content":{"rendered":"<p>Boomtown 03\/2001<\/p>\n<p>Vom 15. Januar 2001<\/p>\n<p>Depressionen leicht gemacht<\/p>\n<p>Um Kolumnen wie diese zu schreiben ist eine gewisse Portion gesunder Depressivit\u00e4t von N\u00f6ten. Da die erste Boomtown-Ausgabe auf den Oktober 1999 datiert, liegt es nahe, dass ich eine nicht unerhebliche Erfahrung im Erlangen des erforderlichen Negativ-Niveaus besitzen sollte.<\/p>\n<p>Verschiedene Methoden haben sich bew\u00e4hrt. Manchmal gen\u00fcgt es, sich Samstag vormittags mit den hektischen Kassiererinnen im Einkaufscenter anzulegen, deren Bestreben darin besteht, frisch gekaufte Ware m\u00f6glichst kraftvoll aus dem Kassenbereich zu entfernen. Ein probates Mittel, an der F\u00e4higkeit der Welt zu verzweifeln, ist zudem der Versuch, sich bei der \u201eFitness company\u201c in Berlin Prenzlauer Berg anzumelden, was dazu f\u00fchren kann, dass man das verzweifelte Personal fragen m\u00f6chte, ob man ihm nicht helfen kann. Gen\u00fcgt dies nicht, \u00f6ffnet man einen beliebigen Houellebecq-Roman auf irgend einer Seite und liest darin, um sich zehn Minuten sp\u00e4ter auf dem Dach des h\u00f6chsten Geb\u00e4udes der Stadt wieder zu finden. Schlie\u00dflich und endlich kann es nicht schaden, etwas Geld in seine Depression zu investieren und eine Kontaktanzeige aufzugeben. Frauen erfahren dadurch, dass sich eine ungeahnte Menge an Sediment auf dem Grund der m\u00e4nnlichen Seele befinden kann. M\u00e4nner erleben, dass es keine Frauen gibt, die Kontaktanzeigen lesen.<\/p>\n<p>Viel schwieriger allerdings ist es, die Tiefen des Tr\u00fcbsinns zu verlassen, um wieder in die Gesellschaft der Frohen und Gl\u00fccklichen zur\u00fcckzukehren. J\u00fcngst befragte ich v\u00f6llig \u00fcberm\u00fcdet vier verschiedene Freunde und erhielt prompt vier v\u00f6llig unterschiedliche Auffassungen dazu.<\/p>\n<p>Freund Nummer Eins ist Anh\u00e4nger der religi\u00f6sen Methode. Er begann zwar mit der Aussage, dass Anf\u00e4lle von Tr\u00fcbsinn und daraus resultierender Schlaflosigkeit zum Alltag geh\u00f6rten und \u201eschlaf dich nur richtig aus, dann sieht die Welt schon wieder viel runder aus.\u201c Als er jedoch merkte, dass mich dies nicht wirklich in bessere Laune versetzte, erbot er sich, mit mir in den n\u00e4chsten Buddhisten-Tempel zu gehen. \u201eDa werden wir dich mal ordentlich durchmeditieren.\u201c<\/p>\n<p>Die \u00d6ko-Variante \u201eHilfe zur Selbsthilfe\u201c wird von Freund Nummer Zwei bevorzugt. Ich m\u00fcsse irgend etwas nur f\u00fcr mich ganz allein tun. Wie w\u00e4re es beispielsweise mit der wunderbaren T\u00e4tigkeit der Herstellung von eigenf\u00fc\u00dfig bemalten Untertassen? Sie s\u00e4hen nicht nur h\u00e4sslicher aus als man selbst. Man h\u00e4tte auch etwas geschaffen, das noch wertloser ist als das eigene nutzlose Ich. Dieses k\u00f6nnte dann morgens nach durchwachter Nacht am Fr\u00fchst\u00fcckstisch das wunderbare Gef\u00fchl genie\u00dfen: Es gibt etwas auf dieser Welt, das von noch weniger Menschen gemocht wird. Aber was tut man, wenn der Geschirrschrank schon vor h\u00e4sslichen Untertassen platzt?<\/p>\n<p>Noch immer am Boden zerst\u00f6rt befragte ich Freund Nummer Drei per Ferngespr\u00e4ch. Er diagnostizierte zu meiner Erleichterung eine h\u00fcbsche Midlife-Crisis. Nicht un\u00fcblich in meinem Alter, betonte er und bestand auf chemischen Waffen. Flugs diktierte er mir drei verschiedene Medikamente, in jeder Apotheke erh\u00e4ltlich und auch gar nicht teuer. Seitdem wei\u00df ich, dass er nicht nur besser aussieht als ich und den leichteren Job hat, sondern auch noch das bessere Gehalt sein Eigen nennt. Zu einem weiteren Telefonat kam es nicht, da er gerade mit seiner verboten gut gebauten Freundin auf den Malediven weilt.<\/p>\n<p>Also traf ich am Sonntagabend Nummer Vier im Bunde. Dieser erkannte die Ursache meines Tiefs mit glasklarer Psychoanalyse. Am besten w\u00e4re es, so erkl\u00e4rte er, zuk\u00fcnftig Niederlagen auch als solche anzuerkennen statt sie zu verdr\u00e4ngen. Zu letzterem w\u00fcrde ich n\u00e4mlich neigen. Wenn ich mir erst einmal klar machen w\u00fcrde, dass ich nicht perfekt w\u00e4re, k\u00f6nnte ich mich auch viel eher annehmen und w\u00e4re insgesamt gl\u00fccklicher. Ich trocknete meine Tr\u00e4nen, dachte kurz dar\u00fcber nach und kam zu dem Schluss: Aha, ich f\u00fchl mich also mies und nutzlos und ungeliebt, weil ich tats\u00e4chlich mies und nutzlos und ungeliebt bin.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem habe ich noch wirklich unf\u00e4hige Freunde. Ich denke, ich sollte zur Aufheiterung ein paar Seiten Houellebecq lesen.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Woche w\u00fcnscht Leovinus.<\/p>\n<p>Und wenn ihr jemanden gern habt, nehmt Euer Herz in beide H\u00e4nde und macht was draus.<\/p>\n<p>(2001)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Boomtown 03\/2001 Vom 15. Januar 2001 Depressionen leicht gemacht Um Kolumnen wie diese zu schreiben ist eine gewisse Portion gesunder Depressivit\u00e4t von N\u00f6ten. 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