{"id":249,"date":"2000-09-03T23:04:57","date_gmt":"2000-09-03T21:04:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=249"},"modified":"2013-06-21T14:39:02","modified_gmt":"2013-06-21T12:39:02","slug":"bei-der-post-gehts-nicht-so-schnell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=249","title":{"rendered":"Bei der Post geht&#8217;s nicht so schnell"},"content":{"rendered":"<p><!--more-->Boomtown 14\/2000<\/p>\n<p>Vom 4.September 2000<\/p>\n<p>Bei der Post geht\u2019s nicht so schnell<\/p>\n<p>Dass Deutschland offiziell zur Service-W\u00fcste ausgerufen wurde, ist bekannt. Welche manchmal tragischen Wege man durch B\u00fcrokratie gehen kann, hat seinerzeit Kafka behandelt. Der \u00e4lteren Generation wird noch der \u201eBuchbinder Wanninger\u201c vertraut sein, dem eine Odyssee am Telefon zum Verh\u00e4ngnis wurde.<\/p>\n<p>Diesen Bl\u00fcten der Weltliteratur m\u00f6chte ich eine weitere Episode hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Hiermit m\u00f6chte ich davor warnen, sich den ssssssssuperschnellen Internet-Zugang mit T-DSL zuzulegen. Jedermann sollte froh sein, weiterhin mit einem 56K-Modem oder meinetwegen ISDN herumzugurken.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst muss ich kurz die Arbeit des Telekom-Technikers loben, der sich nur zwei Monate nach Antragstellung nach Berlin-Mitte durchschlug und uns in einem halbt\u00e4gigen Einsatz die notwendige Ausr\u00fcstung verschaffte. Als er fertig war, funktionierten die Ger\u00e4te zwar nicht, aber das werde, so versicherte er uns, von der Zentrale per Fernbedienung automatisch in ein bis zwei Tagen behoben sein. Zun\u00e4chst jedoch m\u00fcsse er den Anschluss als ordnungsgem\u00e4\u00df installiert abrechnen, um anschlie\u00dfend gleich eine St\u00f6rungsmeldung an die entsprechende Abteilung zu geben. Dies war jedoch noch das geringere Problem.<\/p>\n<p>Ich erspare der werten Leserschaft die Einzelheiten der ersten f\u00fcnfundzwanzig Telefonate, die n\u00f6tig waren, um an die ebenfalls erforderlichen Zugangsdaten des T-Online-Anschlusses zu gelangen. Nur soviel dazu: Die hochprofessionelle Warteschleife des gr\u00f6\u00dften Telekommunikationsunternehmens von Deutschland ist nervenzerfetzend. Dieser akustische Hochgenuss besteht aus einem Frauen-Singsang, der von Zeit zu Zeit durch unmotiviertes Knacken unterbrochen wird, sodass man denkt, w\u00e4re man endlich an der Reihe. Allerdings erh\u00e4lt man nur die \u00fcberraschende Mitteilung, dem sei nicht so, aber demn\u00e4chst ganz bestimmt.<\/p>\n<p>Im ersten Anruf bei der Telekom wurde zun\u00e4chst geleugnet, dass wir bei ihnen einen T-Online-Antrag gestellt h\u00e4tten. Man erkl\u00e4rte mir ausf\u00fchrlich den Verfahrensweg, welcher n\u00e4mlich darin besteht, dass die Telekom den Antrag zwar entgegennimmt &#8211; um die Sache zu vereinfachen -, diesen aber an T-Online weiterleitet, welche wiederum die Daten per Briefpost an uns versendet. Bemerkt jemand diese raffinierte Arbeitsteilung? Wenn da irgendetwas schief geht, kann immer ein Unternehmen die Schuld auf eines der anderen beiden schieben. So werden Arbeitspl\u00e4tze geschaffen und alle sind zufrieden. Wenn man vom Kunden einmal absieht, aber der z\u00e4hlt ja sowieso nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das f\u00fcnfundzwanzigste Telefonat f\u00fchrte ich also mit T-Online. \u201eT-Online-Kundendienst, mein Name ist XY, was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c &#8211; \u201eGuten Tag, Herr XY. Vielleicht k\u00f6nnen Sie mir ja weiterhelfen, ich versuche seit Tagen eine Auskunft zu bekommen&#8230;\u201c &#8211; \u201eJa, ich wei\u00df, das ist ein Schei\u00dfladen hier.\u201c Schluck. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Fast bedauerte ich ihn, in so einem \u201eSchei\u00dfladen\u201c t\u00e4tig zu sein. Als ich wieder Luft bekam, stimmte ich ihm einfach zu und stellte meine Frage nach den Daten. \u201eDazu m\u00fcssen Sie uns ein Fax schicken, damit wir sie Ihnen zuschicken k\u00f6nnen. Die Nummer ist&#8230;\u201c &#8211; \u201eMoment, ich soll Ihnen ein Fax schicken? Ich habe jetzt schon fast zehn Nummern angerufen, niemand konnte mir Auskunft geben, ob mein Antrag \u00fcberhaupt bei Ihnen angekommen ist und da soll ich auf ein Fax vertrauen? Vergessen Sie es.\u201c An dieser Stelle verfiel Herr XY, der wirklich existiert- ich schw\u00f6re es &#8211; in einen konspirativen Ton: \u201eIch will Ihnen etwas verraten.\u201c An dieser Stelle kroch ich fast in den H\u00f6rer. \u201eAlso, da gibt es so eine Stelle, an die ich Sie weitervermitteln kann. Die ist nur f\u00fcr solche F\u00e4lle, dass jemand sagt, er will k\u00fcndigen. Wenn Sie das sagen, dann tun die alles, was Sie wollen. Aber das habe ich Ihnen jetzt nicht gesagt, verstehen Sie?\u201c Mir war inzwischen alles egal, also behauptete ich nicht ganz unwahrheitsgem\u00e4\u00df, dass ich wirklich\u00a0 bald den ganzen Kram hinschmei\u00dfen w\u00fcrde. Mein Teil der Abmachung war erf\u00fcllt. \u201eGut, dann verbinde ich Sie.\u201c Zirka eine halbe Minute dauerte diesmal die Warteschleife, dann hatte ich Herrn XY wieder am H\u00f6rer. \u201eEs tut mir leid, da nimmt keiner ab.\u201c<\/p>\n<p>Ich versuchte eine andere Strategie. Ich ging zur\u00fcck auf \u201eLos\u201c, zog nicht 4000 Mark ein und rief bei der Telekom an. \u201eIch habe bei Ihnen einen T-Online-Antrag gestellt und&#8230;\u201c &#8211; \u201eNein, den haben Sie nicht&#8230;\u201c &#8211; \u201eVerzeihung, ich meinte, ich habe bei Ihnen T-DSL beauftragt, woraufhin Sie meinen T-Online-Antrag weitergeleitet haben m\u00fcssten, welche mir dann die Daten per Gelbe Post zugeschickt haben sollten.\u201c &#8211; \u201eGenau.\u201c (Hm, braves Hundchen, hat seine Lektion gelernt. Ob ich jetzt die Belohnung kriege?) &#8211; \u201eIch m\u00f6chte gern wissen, ob und wann Sie den Antrag weitergeleitet haben.\u201c &#8211; \u201eDas kann ich Ihnen nicht sagen. Das steht hier nicht im Computer.\u201c (Gleich bei\u00dfe ich.) \u201eAha, &#8230; \u00e4h, wer kann mir das denn sagen?\u201c &#8211; \u201eWarten Sie, ich gebe Ihnen eine andere Nummer.\u201c Gro\u00dfartig, dachte ich, langsam brauche ich ein neues Notizbuch, dessen Register nur den Buchstaben \u201eT\u201c beinhaltet. Fairerweise muss ich hinzuf\u00fcgen, dass diese Anrufe au\u00dfer Nerven und Zeit nichts gekostet haben. Erneute Warteschleife, erneut sagte ich meinen Vers auf. Es folgten Fragen nach der Adresse, der Telefon-Nummer, der Kundennummer und schlie\u00dflich: \u201eSie sind also Gesch\u00e4ftskunde?\u201c &#8211; \u201eJa.\u201c &#8211; \u201eDann m\u00fcssten Sie den Gesch\u00e4ftskundensupport anrufen. Der hat die Nummer&#8230;\u201c Ich wei\u00df genau, dass es diese Nummer tats\u00e4chlich gibt. Ob sich dahinter allerdings der Gesch\u00e4ftskundensupport verbirgt, kann ich nicht sagen, da die Warteschleife (man erinnere sich: Frauen-Singsang und \u201eJetzt geht\u2019s gleich los.\u201c) das Gespr\u00e4ch stets selbstt\u00e4tig terminierte.<\/p>\n<p>Also erneuter Strategiewechsel. Anruf bei T-Online. Wieder erkl\u00e4rte ich mein Ansinnen. Darin wurde ich \u00fcbrigens im Laufe der Zeit immer effizienter, da ich den ganzen Komplex mit immer weniger Worten immer schneller erkl\u00e4ren konnte. Wieder wurde ich nach Namen, Kundennummer (die wir bei T-Online nat\u00fcrlicherweise noch nicht haben) und Adresse gefragt. Und das Wunder geschah. Man fand unsere Firma im Computer! Man wusste sogar, wann der Antrag von der Telekom weitergereicht wurde &#8211; n\u00e4mlich gut einen Monat nachdem wir ihn gestellt hatten. Allerdings stellte sich auch heraus, dass wir in grauer Vorzeit schon einmal einen T-Online-Anschluss besessen hatten, von dem ich aber keinen blassen Schimmer hatte. Aber genau da lag der Fehler. Als der Computer dort n\u00e4mlich feststellte: Ach, die haben ja schon einen Anschluss, da brauche ich ja gar nichts mehr machen\u00a0 &#8211; gab er eine Fehlermeldung aus, die niemanden interessierte und brach die weitere Verarbeitung ab. \u201eSchicken Sie uns einfach ein Fax, dann erhalten Sie Ihre Daten nochmals.\u201c &#8211; \u201eNa, meinetwegen. Da steht dann auch die Nummer drauf, die gew\u00e4hlt werden muss und meine Zugangs-ID und der Name-Server und alles?\u201c &#8211; \u201eName-Server?\u201c &#8211; \u201eNaja, eben die ganzen technischen Daten, die man so braucht. Sie wissen schon&#8230;\u201c &#8211; \u201eNaja, also so ungef\u00e4hr schon &#8230; also, das sind die gleichen Daten, die Sie schon haben m\u00fcssten.\u201c &#8211; \u201eHabe ich aber nicht.\u201c &#8211; \u201eWissen Sie was? Ich schicke Ihnen einfach alle Daten, die Sie bekommen m\u00fcssten, wenn Sie einen Neuantrag stellen.\u201c &#8211; \u201eIch muss also kein Fax schicken?\u201c &#8211; \u201eNein. Das geht heute mit der Post raus und Sie m\u00fcssten die Daten in ein oder zwei Tagen erhalten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Gespr\u00e4ch f\u00fchrte ich am letzten Donnerstag, volle zwei Monate, nachdem den Antrag an einen Herrn G. von der Telekom gefaxt hatte, welcher \u00fcbrigens seitdem spurlos verschwunden ist. Ich bin sehr gespannt, ob am Montag Post f\u00fcr mich kommen wird. Und vor allem, von wem: Herrn G.? Herrn XY? Dem Computer? Vielleicht gibt es ja doch noch ein Happy End und ich komme ssssssssssssuperschnell ins Internet. Vorausgesetzt, die Zentrale hat inzwischen den Gesch\u00e4ftskundensupport wiederbelebt und per Fernbedienung den Fehler behoben.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re ich auch fast am Ende mit dem Thema kafkaesker Vorg\u00e4nge einhundert Jahre nach Kafka. Nun noch etwas f\u00fcr die Freunde der Klatschkolumne. Immerhin hat auch das Folgende etwas mit der leichten Verdrehung von Tatsachen zu Ungunsten einer unschuldigen B\u00fcrgerin zu tun. Diese lebt in England und wurde nach f\u00fcnfzig Jahren Ehe von ihrem Mann geschieden. Ihr Gatte hatte sie \u00fcber achtundzwanzig Jahre lang betrogen und mit der anderen Frau einen inzwischen sechzehnj\u00e4hrigen Sohn. Da in Gro\u00dfbritannien Ehen nach dem Schuldprinzip getrennt werden, wurde die Frau am Scheitern der Ehe schuldig gesprochen und musste dreiviertel der Gerichtskosten tragen. Was hatte sie falsch gemacht? Sie hat sich \u201eunvern\u00fcnftig verhalten\u201c, jawohl. Wie konnte sie auch den zuk\u00fcnftigen Ex und seine Geliebte mit unfreundlichen Telefonanrufen bel\u00e4stigen und sich an die Presse wenden? Das hatte der arme F\u00fcnfundsiebzigj\u00e4hrige wirklich nicht verdient. Meiner Ansicht nach hat der Richter im Prinzip richtig entschieden, allerdings mit der falschen Begr\u00fcndung. Wer sich 28 Jahre lang betr\u00fcgen l\u00e4sst und nichts davon mitbekommt, der liebt seinen Ehepartner nicht wirklich. Es lebe die Eifersucht!<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich noch eine kleine Geschichte erz\u00e4hlen, die das Thema Internet mit dem der berechtigten Eifersucht in einen Zusammenhang bringt. W\u00e4hrend der am letzten Wochenende stattgefundenen Internet-Konferenz \u201eBerlinBeta\u201c wurde unter anderem der ChaosComputerClub-Mitbegr\u00fcnder Wau Holland gefragt, was denn sein \u201emost delirious moment with the Internet\u201c war. Seine Antwort war \u201eLiebesbriefe per E-Mail\u201c. Er hatte der Angebeteten nach deren Auskunft so viele geschriebene Perlen geschickt, dass sie sich ein Geschmeide daraus machen k\u00f6nnte. Auf diese Antwort hin kam die erstaunte Gegenfrage: \u201eAch, und ich dachte, das w\u00e4re irgendein besonderer Computer-Hack gewesen?\u201c &#8211; \u201eEs war ein \u201asocial hack\u2018. Sie hat danach ihren Freund verlassen.\u201c<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Woche w\u00fcnscht Leovinus.<\/p>\n<p>Und: Wenn ihr jemanden gern habt, nehmt euer Herz in beide H\u00e4nde und macht was draus.<\/p>\n<p>(2000)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[149,147,152,148,151,153,150],"class_list":["post-249","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumnen","tag-dsl","tag-post","tag-t-online","tag-telekom","tag-wanninger","tag-wau-holland","tag-wechsel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/249","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=249"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/249\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":330,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/249\/revisions\/330"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}