{"id":201,"date":"1999-10-25T21:31:04","date_gmt":"1999-10-25T19:31:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=201"},"modified":"2013-06-21T14:37:33","modified_gmt":"2013-06-21T12:37:33","slug":"die-allererste-kolumne-dienstleister-von-25-10-1999","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=201","title":{"rendered":"Die allererste Kolumne &#8211; &#8222;Dienstleister&#8220; von 25.10.1999"},"content":{"rendered":"<p><!--more-->Boomtown &#8211; Die Montagskolumne aus Berlin<\/p>\n<p>Nummer 01\/1999 vom 25.10.1999<\/p>\n<p>Als ich mich am Sonntagnachmittag daran setzte , diese Kolumne zu schreiben, ben\u00f6tigte ich vier Anl\u00e4ufe: Der erste handelte vom Herbstwetter, der zweite von dem, was man am Wochenende alles nicht getan hat, der dritte von einem Fahrrad an einem Bauzaun, welches neben einer offenen Flasche italienischen Rotweins stand und der vierte schlie\u00dflich begann mit Gedanken \u00fcber den , Stinosphilosophischen Tiefsinn von Jo-Jos. Vielleicht w\u00e4ren dies alles spannende Texte geworden, m\u00f6glicherweise werden es sogar noch welche, aber nach all den erfolglosen Versuchen zog es mich noch einmal aus der Wohnung. Die besten Geschichten finden sich ohnehin auf der Stra\u00dfe. Was geschehen musste, geschah.<br \/>\nIn Berlin-Pankow, an der Kreuzung Breite Stra\u00dfe\/Berliner Stra\u00dfe, besser als &#8222;Pankow Kirche&#8220; bekannt, existiert das Restaurant-Bistro-Pub &#8222;Ei&#8220;. In sp\u00e4testens zehn Jahren wird es prima als 80ies-Kult-Location eine Renaissance erleben, falls es nicht von einem der in Pankow seltenen Erdbeben verschlungen wird. Bis dahin werden sich dort am Nachmittag die \u00e4lteren Damen bei Kaffee und Pflaumenstreusel vermehren, w\u00e4hrend des Abends zwielichtige Stinos die verkorkste Kreuzung im Auge behalten. Die Besatzung des Caf\u00e9s tut auch alles daf\u00fcr, dass sich daran nichts \u00e4ndert, also beispielsweise neue Kundschaft sich den Laden erobert. Die Probe aufs Exempel machten Annelie und ich. Gegen 16.00 Uhr hatten zwei Tantchen ihren Kaffee-Plausch beendet und gingen zum Eierlik\u00f6rchen-Trinken in ein anderes Etablissement, sodass ihre Pl\u00e4tze f\u00fcr uns frei wurden. Es dauerte auch keine zehn Minuten, bis der Kellner unsere Bestellung aufnahm. Die Bedienung im Restaurant-Bistro-Pub &#8222;Ei&#8220; tr\u00e4gt wei\u00dfe Hemden und eine rote Sch\u00fcrze, auf welchselber Werbung f\u00fcr Hasser\u00f6der Pils prangt. Bei Anblick des Kellners wurde somit sofort ein ganzer Assoziationskreis geschlossen: Hasser\u00f6der Pils \u2013 Boxen \u2013 Axel Schulz. Perfekt. Wir wurden vom Gewinner des &#8222;Axel Schulz\u2018- j\u00fcngerer-Bruder-Lookalike&#8220;-Wettbewerbs bedient. Die Bestellung, Capucchino, Milchkaffe, Pflaumenstreusel (wer sagt, dass dies ein Alte-Damen-Privileg ist?) und dar\u00fcber hinaus eine Portion Spiegel-Ei. Annelie hatte noch nicht gefr\u00fchst\u00fcckt.<br \/>\nGetr\u00e4nke und Kuchen waren schnell gebracht, was noch fehlte, war das Ei. Des langen Wartens kurze Beschreibung: Es dauerte geschlagene 45 Minuten, ehe die Bestellung sich vollst\u00e4ndig auf unserem Tisch wiederfand. Nicht, dass das Ei vergessen worden war. Oder die K\u00fcche explodiert und neu aufgebaut werden musste. Bruder Schulz fehlten die Worte zu Erkl\u00e4rung oder gar Entschuldigung. Die einzige Bemerkung in dieser Richtung, die aus seinen Lippen str\u00f6mte, war: &#8222;Kommt gleich.&#8220; Und auf Nachfrage: &#8222;In &#8230; (Blick zur Uhr) &#8230; anderthalb Minuten.&#8220; Nun denn, uns fehlten auch die Worte. Im Grunde blieben sie uns nachgerade im Halse stecken, als er, nachdem wir um die Rechnung gebeten hatten, mit dieser wedelnd heranschwebte (Axel Schulz schwebend!): &#8222;Und &#8230; wer bekommt die Schuld?&#8220; Sprachlos zahlten wir 17,90 DM auf den Pfennig genau und entschwebten unsererseits.<br \/>\nFolgende Fragen taten sich auf: Zugegeben, es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit in diesem Lande, sicher auch in Pankow. Aber warum, in Teufels Namen, ist jemand in einem Job t\u00e4tig, f\u00fcr den er so offensichtlich ungeeignet ist? Ich werde doch auch nicht Gewichtheber. Wieso ist es so schwer, wenigstens die Standard-Ausreden abzuspulen. (&#8222;Das hat solange gedauert, weil der Ebola-Virus die halbe Mannschaft hinweggerafft hat.&#8220;) Ganz zu schweigen davon, dass es einem Kellner von Herzem leid tun sollte, wenn er schlampig mit Geduld und Zeit seiner Kunden umgeht. Aber warum sollten Kellner anders sein als der ganze verkommene Rest der Dienstleistungsbande. Keinem Berliner Taxifahrer ist es peinlich, wenn er die Strecke nicht kennt. Keine Supermarktkassiererin k\u00fcmmert sich darum, was mit den Waren geschieht, die sie torpedogleich \u00fcber das Band schickt. Ganz zu schweigen von der U-Bahn-Fahrerin, die sturzbetrunken in ihrer Kabine zusammenbrach, nachdem sie in mehreren Stationen den Zug nur halb in den Bahnhof gebracht hatte. Erst ein Fahrer im Gegenzug bemerkte die leblose Frau. Warum lassen wir uns dies alles gefallen? Warum geben wir unter Umst\u00e4nden sogar noch Trinkgeld f\u00fcr Frechheiten?<br \/>\nDie Antwort ist einfach: Weil wir genauso sind. Wir alle sind betrunkene U-Bahn-Fahrer. In Wirklichkeit sitzt niemand von uns im Gegenzug.<br \/>\nEine sch\u00f6ne Woche noch w\u00fcnscht Leovinus.<\/p>\n<p>(erschienen 1999 im Forum von <a title=\"Belriner Zimmer\" href=\"http:\/\/www.berlinerzimmer.de\" target=\"_blank\">www.berlinerzimmer.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[111,109,113,112,114,110],"class_list":["post-201","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumnen","tag-dienstleistung","tag-kellner","tag-pankow","tag-spiegel-ei","tag-stino","tag-u-bahn-fahrer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=201"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":318,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions\/318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}