{"id":592,"date":"2012-07-18T15:00:08","date_gmt":"2012-07-18T13:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=592"},"modified":"2014-03-01T21:42:57","modified_gmt":"2014-03-01T19:42:57","slug":"small-talk-auszug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=592","title":{"rendered":"Small Talk (Auszug)"},"content":{"rendered":"<p><!--more-->Die meisten seiner Bekannten h\u00e4tten Joseph als mindestens wortkarg bezeichnet. Zuh\u00f6ren und alles was damit zu tun hatte, fand er deutlich spannender.<\/p>\n<p>Deshalb fuhr Joseph lieber mit dem ICE, wo man seinen eigenen Platz haben konnte. Aber der Bus war einfach billiger gewesen. Auch mit vierundvierzig durfte man mal etwas Neues ausprobieren.<\/p>\n<p>Die Frau neben ihm, gesch\u00e4tzt Ende drei\u00dfig, hatte den Bus nur knapp erwischt. Der Fahrer hatte die T\u00fcr schon geschlossen, aber nach ihrem bezauberndem L\u00e4cheln w\u00e4re wohl nur ein blinder Eisb\u00e4r ohne sie losgefahren.<\/p>\n<p>Die Frau setzte sich neben Joseph auf den letzten freien Platz, schenkte auch ihm ein L\u00e4cheln und vertiefte sich in ihr Buch, wohl eine billige Romanze, vermutlich aus Langeweile im Kiosk am Busbahnhof gekauft. Vor einer Viertelstunde war sie ihm dort das erste Mal aufgefallen. Sie hatte eigentlich nicht gewirkt wie jemand, der gleich in einen Bus steigen w\u00fcrde. Mit der Zeitung an der Kasse hatte er ihren Blick auf sich gesp\u00fcrt, ohne weiter dar\u00fcber nachzudenken. Klar, der erste Lack war auch bei ihm ab, aber von seiner Jugendschwimmerkarriere war genug \u00fcbrig. W\u00e4hrend er zum Bus hin\u00fcber gegangen war, hatte er sie hinauseilen, zum Ticketcounter hasten und von dort zum Bus sprinten sehen. Als sie ihre Jacke auszog, fiel ihm durchaus auf, dass die Formen unter ihrem engen Pullover nicht nur die Augen eines durchschnittlichen Mannes erfreuen w\u00fcrden. Aber Joseph interessierten Br\u00fcste nicht sonderlich. Die waren doch immer mehr oder minder gleich \u2013 prall oder platt, h\u00e4ngend oder fest, gro\u00dfe Warzen, kleine Warzen, nicht sehr aufregend. Viel spannender fand Joseph \u2026 nun ja, leider hatte sie lange schwarze Haare, \u2026 man konnte nicht alles haben. Aber warum nicht den sichtbaren Rest genauer betrachten? Die Frau bemerkte es, l\u00e4chelte still ohne den Blick zu heben.<\/p>\n<p>Noch bevor sie Berlin verlie\u00dfen, begann es zu nieseln.<\/p>\n<p>Kleine Tropfen bedeckten die Scheibe. Am oberen Rand landete gerade wieder einer, etwas dicker. Er rutschte abw\u00e4rts, ein kleinerer langsam hinterher. Doch immer, wenn dieser den dicken nahezu erreicht hatte, zog der seine Bahn weiter. Der Fahrtwind trieb Nummer zwei aus der Richtung. Nummer eins blieb an ihrem Platz und ruhte dort, bis die zarte Nummer zwei sanft vor\u00fcberzog.<\/p>\n<p>Joseph sch\u00fcttelte leicht den Kopf. Die Frau schaute auf und hing ihren Blick erst an ihn, dann die Scheibe, hinter der die neblige brandenburgische Landschaft entlangrollte. Nummer eins machte sich seinerseits auf den Weg zu Nummer zwei. Wollte die Frau wirklich nur die Tropfen betrachten? Sie hatte sich etwas zu Joseph hin\u00fcber gebeugt. Wenn nur nicht dieses verdammte lange Haar w\u00e4re, sonst h\u00e4tte er jetzt \u2026 Joseph sog ihren Duft ein. Leicht und ungew\u00f6hnlich herb f\u00fcr eine Frau. Er versuchte, sich auf das Schauspiel an der Scheibe zu konzentrieren.<\/p>\n<p>Eine Stimme, unmittelbar hinter ihnen im Gang, zog ihn aus seinen Gedanken: \u201eM\u00f6chten Sie etwas trinken?\u201c<\/p>\n<p>Joseph hatte nicht erwartet, dass bei Busfernfahrten eine Art Steward durch die Reihen gehen w\u00fcrde. \u201eOrangensaft\u201c, sagte die Frau im selben Moment, wie er \u201eApfelsaft\u201c sagte. Die Frau lehnte sich zur\u00fcck. Der Mann mit dem W\u00e4gelchen grinste, reichte jedem einen Pappbecher und kassierte.<\/p>\n<p>Joseph und die Frau prosteten sich unverbindlich zu. Der geeignete Zeitpunkt, ein Gespr\u00e4ch zu beginnen, fand Joseph, ehe ihm einfiel, dass Small Talk zu den St\u00e4rken anderer Leute geh\u00f6rte. Bei ihm endete es immer im peinlichen Schweigen, also konnte er den Gespr\u00e4chsteil \u00fcberspringen und sich wieder der Scheibe zuwenden. Die Frau l\u00e4chelte weiter h\u00fcbsch vor sich hin und griff nach ihrem Buch.<\/p>\n<p>An der Scheibe hatte sich die dicke Nummer eins ziemlich weit von Nummer zwei entfernt. Es wirkte nicht so, als h\u00e4tten sie noch eine Chance. Schade, dachte Joseph, und begann, mit dem Finger langsam eine Linie zu ziehen, um die beiden wenigstens auf dieser Seite der Scheibe miteinander zu verbinden. Die Fremde streckte die Hand nach seiner aus, wie um ihn aufzuhalten, zog sie aber auf halbem Wege zur\u00fcck. Sie sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eNicht schummeln.\u201c Er drehte sich zu ihr. Wenn er wenigstens einmal durch ihr Haar streichen und dabei \u2026 nicht dran denken, hatte sowieso keinen Zweck.<\/p>\n<p>An der Scheibe war Tropfen Nummer zwei deutlich entschlossen, seinen Weg fortzusetzen. Er wanderte hin\u00fcber und kreuzte die kleine Spur, die Nummer eins hinterlassen hatte, wie um ihm eine letzte Chance zu lassen.<\/p>\n<p>Die Fremde hatte sich auf ihre Seite zur\u00fcckgezogen. Sie trank ihren Saft aus und griff nach dem Buch. Die Frau hob die Hand an die Schl\u00e4fe, als wolle sie \u2026 Joseph hielt den Atem an. Jetzt. Der Bus machte eine scharfe Bremsung. Man h\u00f6rte den Fahrer laut fluchen, w\u00e4hrend ein silberfarbener BMW schon einige hundert Meter vor ihnen davonschoss.<\/p>\n<p>Nur aus dem Augenwinkel nahm Joseph gerade noch so die Bewegung der fremden Frau wahr. Erneut wanderte ihre etwas knochige Hand nach oben, strich das schwarze Haar zur\u00fcck und legte ihr rechtes Ohr frei.<\/p>\n<p>Perfekt.<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p>(2012)<\/p>\n<p>Den kompletten Text kann man in meinem Buch <a href=\"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=586\">&#8222;Am Donnerstag hat Gott Geburtstag&#8220;<\/a> lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,12],"tags":[23,19,20,209,22,21],"class_list":["post-592","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichten","category-seit-2010","tag-bus","tag-erotik","tag-hande","tag-liebe","tag-regen","tag-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=592"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/592\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":593,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/592\/revisions\/593"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}