{"id":35,"date":"2012-06-06T08:21:35","date_gmt":"2012-06-06T06:21:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=35"},"modified":"2023-11-17T10:19:27","modified_gmt":"2023-11-17T08:19:27","slug":"was-nach-dem-clown-kam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=35","title":{"rendered":"Was nach dem Clown kam"},"content":{"rendered":"<h3><!--more-->Eine Rhapsodie<\/h3>\n<h2>I.<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-394 alignright\" style=\"border: 0px;\" alt=\"schaffnermuetze\" src=\"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/schaffnermuetze-300x178.jpg\" width=\"270\" height=\"160\" \/><\/p>\n<p>Karl hatte die Frage, wie er auf diese Lichtung gekommen sein mochte, vergessen. Saftig, von sanftem Gr\u00fcn, schwangen die Gr\u00e4ser sacht im Wind und wurden an genau den richtigen Stellen von malerischen G\u00e4nseblumen unterbrochen.<br \/> Zarte Vogelstimmen erg\u00e4nzten einander harmonisch. Aus dem rauschenden Wald ringsum schwebten wunderbare bunte Seifenblasen. Der hellblaue Himmel war mit wenigen wei\u00dfen Wolken betupft. Dazwischen segelte, wie ein verlorener Luftballon, ein Clown. Die Seifenblasen umschwirrten Karl. Er wischte sie fort, doch kamen stets neue. Der Clown l\u00f6ste sich von den Wolken und sank, schneller werdend, hinab. Immer mehr Seifenblasen flogen \u00fcber die Wiese. Bald vermochte Karl den Wald nicht mehr zu erkennen. Der Vogelgesang bohrte sich als hoher Ton in seinen Kopf. Am beunruhigendsten aber war der Clown, der mit wachsender Geschwindigkeit und immer gr\u00f6\u00dfer werdend auf die Wiese zu raste. Die Seifenblasen h\u00fcllten Karl ein. Er versuchte, sie fortzuwedeln. Doch brauchte er die H\u00e4nde, um sich die Ohren zuzuhalten, da das Vogel-Quietschen zu einem Kreischen angeschwollen war. Der Clown st\u00fcrzte mit dem Tempo eines D-Zuges auf Karl herab. Karl machte einen m\u00fchsamen Schritt r\u00fcckw\u00e4rts. Die Gestalt wurde gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer. Noch ehe Karl die H\u00e4nde sch\u00fctzend vor das Gesicht schlagen konnte, warf ihn der Clown, gewaltig wie ein Reisebus, zu Boden.<\/p>\n<p>Als er die Augen wieder \u00f6ffnete, fand Karl sich im Eisenbahnwaggon eines Dampfzuges in einem Dorfbahnhof wieder. Es d\u00e4mmerte. Aus drei Lampen strahlte kaltes Licht auf den staubigen Bahnsteig. Dort stand ein resolut wirkender Schaffner in einer leuchtend wei\u00dfen Uniform. Seine Stirn ragte kaum \u00fcber einen Koffer, der dort herrenlos herumstand. Er l\u00e4chelte Karl freundlich an und blendete ihn unversehens mit einer riesigen Taschenlampe.<\/p>\n<p>Vorn t\u00f6nte die Lok und rollte los. Karl lehnte sich zur\u00fcck und atmete tief durch.<\/p>\n<h2>II.<\/h2>\n<p>Der Zug brauste durch eine st\u00e4ndig wechselnde Landschaft. Rote Felder verschwanden, H\u00e4user mit leeren Fenstern tauchten auf, gr\u00fcne Felsen ragten unversehens dicht neben dem Zug in die H\u00f6he, um wieder unterzugehen. Die Gleise f\u00fchrten auf eine Br\u00fccke, die sich weit \u00fcber einen uferlosen See spannte.<\/p>\n<p>Karl wandte den Blick ab und entdeckte auf der Ablage eine Brosch\u00fcre. Ihre Seiten waren mit Tabellen und den Abbildungen komplizierter Eisenbahnnetze bedruckt, die, sobald er sich auf einen bestimmten Punkt konzentrierte, verschwammen und in der Tiefe des Papieres versanken. Seine Augen versuchten zu folgen. Immer wieder holte er die Linien hervor, doch es gelang ihm nicht, sie lange genug zu halten. Sein Blick verschmolz mit ihnen und ging unter.<\/p>\n<p>Karl kniff die Augen zusammen und schaute wieder hinaus. Ein anderer Zug \u00fcberholte sie. Innen sa\u00dfen M\u00e4nner, die in wilder Hast Brosch\u00fcren durchbl\u00e4tterten und eine nach der anderen hinauswarfen. Noch ehe die Papiere das Fenster verlassen hatten, zerstoben sie in winzige Fetzen. Als der Zug vor\u00fcber war, erschien die idyllische Wiese wieder. Statt des Waldes umgaben sie wie ein weites Feld der M\u00f6glichkeiten, unz\u00e4hlige Gleise.<\/p>\n<p>Der Zug wurde langsamer und stand. In einer hellgrauen Uniform betrat der Schaffner das Abteil. \u201eWer aussteigen m\u00f6chte, hat nun die Gelegenheit dazu.\u201c Karl erhob sich. Er stellte fest, dass er den Schaffner nur noch um Hauptesl\u00e4nge \u00fcberragte. \u201eWird der Zug auf mich warten?\u201c<\/p>\n<p>Der Schaffner sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eSie k\u00f6nnen jederzeit einen anderen w\u00e4hlen.\u201c Karl nickte.<\/p>\n<p>Kaum hatte er die Wiese betreten, liefen die Maschinen der Lok an und die Eisenbahn erreichte aus dem Stand ihre volle Geschwindigkeit.<\/p>\n<p>Karl blickte sich unschl\u00fcssig um. War er am Ziel? Dorthin zur\u00fcck, wo er begonnen hatte? Er legte sich ins Gras. Warme Luft f\u00fcllte seine Lungen. Durch sein Gesichtsfeld flog ein Vogel. Die Wolken standen still am Himmel, weit und breit kein Clown, keine Seifenblasen, kein Schreien. Karl sp\u00fcrte den weichen Boden unter sich. Ein K\u00e4fer lief \u00fcber seine Hand. Die Zeit zerschmolz wie gl\u00fchendes Glas.<\/p>\n<p>Er zog matt die Brosch\u00fcre hervor. Die Linien verschwammen nicht mehr, schienen klarer und stabiler, ohne dass er mehr deuten konnte.<\/p>\n<p>Es musste doch einen Weg geben, die Karten, die Tabellen, die Ziele zu verstehen. Aber war dies der richtige Ort daf\u00fcr?<\/p>\n<p>Karl erhob sich und lie\u00df den Blick streifen. Konnte er nicht einfach hier bleiben? Hier ging es ihm gut. Was sollte er mit Pl\u00e4nen, die er nicht verstand? Er atmete den Duft des verschwundenen Waldes ein. Sein Blick verlief sich in der Unendlichkeit. Die G\u00e4nseblumen wogten im Wind und aus den Gr\u00e4sern stieg die Langeweile. Wie ein t\u00f6dliches Gas waberte sie \u00fcber die Wiese, wand sich um Karls Rumpf, hing sich an seine H\u00e4nde, zog die Schultern hinab und schn\u00fcrte ihm den Hals zu. Sie drang in ihn ein und f\u00fcllte sein Inneres mit einer farblosen Masse. Das Gras welkte. Die Vogelstimmen wurden eint\u00f6nig, der Wind stickig. Die Wolken hingen wie festgeklebt. Karls Gesicht wurde stumpf. Aus der Ferne erklang ein Brummen, ein anschwellendes Pfeifen. Hinter Karls Stirn schwappte die tr\u00e4ge Masse. Er drehte m\u00fchsam den Kopf und erblickte einen blauen Schnellzug. Auf der anderen Seite raste ein gr\u00fcner heran. Schwerf\u00e4llig versuchte Karl sich zu bewegen. Sein rechtes Bein zog ihn nach links, das andere nach rechts. Langsam torkelte er vorw\u00e4rts und schwenkte den Kopf wie ein Elefant. Ein G\u00e4nsebl\u00fcmchen umkrallte seinen Fu\u00df. Er versank im weichen Boden. Mit Wut trat er gegen die zerrende Pflanze. Erst, als er mit der Brosch\u00fcre auf sie einschlug, lie\u00df sie ihn widerwillig gehen. Zehn, f\u00fcnfzehn unbeholfene Schritte, dann entschied sich sein K\u00f6rper. Er taumelte \u00fcber die Wiese und erreichte endlich rennend die Gleise. Von beiden Seiten steuerten die Z\u00fcge auf ihn zu. Sie fuhren durch ihn hindurch und verschmolzen zu einem.<\/p>\n<p>Die Bahn stoppte abrupt. Karl stieg ein. Am Zugende wartete der Schaffner. Von ihm kaufte er eine Fahrkarte. Der Schaffner, dessen Uniform sich weiter verdunkelt hatte, war nun ebenso gro\u00df wie er.<\/p>\n<h2>III.<\/h2>\n<p>Die Zugfahrt verlief ereignislos. Karl erlernte einen Beruf. Er traf Frauen und Freunde, und trennte sich von ihnen. Er kaufte H\u00e4user und verlor sie. Den Schaffner sah er lange nicht. Immer wieder versuchte er, dem Geheimnis der Brosch\u00fcren auf den Grund zu kommen. Eines Tages endete die Fahrt in einem Kopfbahnhof.<\/p>\n<h2>IV.<\/h2>\n<p>Allein lief er dort auf und ab. Er sah sich Dutzenden Z\u00fcgen gegen\u00fcber. Sie standen mit dampfenden Schornsteinen oder summenden Elektroaggregaten auf den Gleisen und warteten jeder darauf, dass er sich f\u00fcr ihn entscheiden w\u00fcrde. Immer, wenn er sich einem Zug n\u00e4herte, entfernte sich dieser, ohne sich zu bewegen. Wenn er auf einen anderen zusteuerte, kam der erste n\u00e4her.<\/p>\n<p>Auf allen Bahnsteigen gingen Schaffner umher. Ihre Anz\u00fcge wurden nachtfarben.<\/p>\n<p>Aus dem Augenwinkel entdeckte Karl inmitten der anderen im F\u00fchrerhaus eines D-Zuges den Clown. Zun\u00e4chst wollte sein Blick sich nicht darauf einstellen, doch dann sah er es klar: Im vordersten Wagen sa\u00df eine Frau am Fenster. Sie bl\u00e4tterte mit ruhiger Hand durch die Brosch\u00fcre und machte mit einem Stift Anmerkungen.<\/p>\n<p>Karl spurtete los. Doch mit jedem Schritt entfernte sich auch dieser Zug. Die Beine wurden Karl schwer. Der Zug schien zu verl\u00f6schen. Karl rannte, um ihn zu halten. Er lief \u2026 am richtigen Bahnsteig vor\u00fcber. Als er es bemerkte, lag sein Zug hundert Schritt hinter ihm. Zum Umkehren fehlte ihm die Kraft.<\/p>\n<p>Er setzte sich auf den Boden und starrte ins Leere. Ein Schaffner, in einer fast schwarzen Uniform, kam vor\u00fcber und sah gr\u00fcbelnd auf ihn herab. Auf die Frau zeigend gab Karl ihm die Brosch\u00fcre. Der Schaffner nahm das Heft und brachte es ihr. Sie schaute aus dem Fenster, hin\u00fcber zu Karl. Sie l\u00e4chelte. Der Zug n\u00e4herte sich lautlos und noch immer ohne Bewegung, bis er direkt vor ihm stand. Der Schaffner lie\u00df ihn ein. Karl musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu schauen. Die Frau, Elisabeth, lehrte Karl, die Brosch\u00fcren zu lesen. Sie entdeckten Fahrten zur Wiese und Wege von dort zur\u00fcck. Mit ihr lebte er, bis sie starb. Allein fand er die Wiese nicht mehr. Er verlie\u00df den Zug auf dem Dorfbahnhof.<\/p>\n<h2>V.<\/h2>\n<p>Der Bahnsteig war staubig wie vor Jahren. Karl war nun so gro\u00df wie der Papierkorb, neben dem er stand, in dem eine alte Brosch\u00fcre lag. Der Schaffner kam auf ihn zu. Gekleidet in eine gl\u00e4nzend schwarze Uniform sah er auf ihn herab. Der Schaffner leuchtete Karl mit seiner riesigen Taschenlampe ins Gesicht, l\u00f6ste sich auf, und hinter ihm erschien der Clown.<\/p>\n<p>( 2012 )<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":394,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,12],"tags":[24,28,21,25,27,26],"class_list":["post-35","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten","category-seit-2010","tag-clown","tag-geburt","tag-reisen","tag-schaffner","tag-tod","tag-wiese"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":574,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35\/revisions\/574"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/394"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}