{"id":252,"date":"2000-11-12T18:30:14","date_gmt":"2000-11-12T16:30:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=252"},"modified":"2013-06-21T14:39:18","modified_gmt":"2013-06-21T12:39:18","slug":"rosa-pluschpuschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=252","title":{"rendered":"Rosa Pl\u00fcschpuschen"},"content":{"rendered":"<p><!--more-->Diese Kolumne im SMS-Format: Gro\u00dfen Fehler gemacht. Karriere im Eimer. Lesung in Restauration besucht. Virtuellen Papst gesehen. Stundenlang Buschwindr\u00f6schen gesammelt. \u00bbKraftwerk goes Samba.\u00ab Nehmt Herz in H\u00e4nde. Leovinus.<\/p>\n<p>Boomtown 21\/2000<\/p>\n<p>Vom 13. November 2000<\/p>\n<p>Rosa Pl\u00fcschpuschen<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dies ist ein Fehler, den ich mein Leben lang bereuen werde. Er wird meine zarte und verletzliche literarische Karriere aussehen lassen, wie Bambi nach einem Tete-\u00e1-tete mit Godzilla. Aber meine Mission hei\u00dft Wahrheit, und Wahrheit ist st\u00e4rker als eine glanzvolle Karriere voller Auszeichnungen und der Ehre als erster Schriftsteller der Welt zweimal den Nobelpreis zu bekommen. Und den Pulitzer-Preis. Und den Allegra-Literatur-Preis 2001. Die folgenden Zeilen k\u00fcnden von einer Lesung.<\/p>\n<p>Nicht von irgend einer Lesung, sondern von der Veranstaltung des hochwohll\u00f6blichen \u201eBerliner Zimmers\u201c, welche die Betreiber des \u201eZimmers\u201c in die Welt setzten auf Grund der Tatsache, dass sie beim \u201earte-them@-Literatur-Wettbewerb\u201c den Innovationspreis erhielten. Ursache dieser Kolumne ist also nichts weiter als Neid, richtig. Das \u201eBerliner Zimmer\u201c erlangte die Auszeichnung f\u00fcr das Online-Tagebuch \u201etage-bau\u201c, an dem 50 Leute aus\u00a0 &#8211; Achtung, Zitat: \u201e5 L\u00e4ndern, UNTER ANDEREM Deutschland, \u00d6sterreich, Schweiz, England und Laos\u201c (Hervorhebung von mir) mitwirkten. Lesen und Rechnen waren in der Schule nicht ohne Grund getrennte F\u00e4cher.<\/p>\n<p>Die Homepage bekam also diesen Preis und wollte die 1500 Euro so richtig sch\u00f6n verprassen. Die Lesung mit anschlie\u00dfender Party sollte in der \u201eRestauration Walden\u201c in Prenzlauer Berg steigen. In der \u201eRestauration Walden\u201c\u00a0 &#8211; was f\u00fcr ein h\u00fcbsch spie\u00dfiger Name. Er klingt so nach Wandersmann, der eben seinen Durst an einem klaren Bergbache gestillt hat, den es nun aber nach einer kr\u00e4ftigen Brotzeit in einer Herberge im Tal gel\u00fcstet &#8211; dort jedenfalls braucht man zum Beispiel auf dem Klo keine Zeitung. Die W\u00e4nde sind vollgeklebt mit Kopien aus B\u00fcchern von Herrn Walden, \u00fcber den ich leider nicht mehr berichten kann, da sich mein reichlich veraltetes Schriftstellerlexikon v\u00f6llig \u00fcber ihn ausschweigt. Und ich habe keine Ahnung von Literatur, wie sich im weiteren Verlauf dieses Textes noch herausstellen wird. In der Mitte des Raumes &#8211; also nicht des WCs, sondern des Ortes der Veranstaltung &#8211; befindet sich eine Holzs\u00e4ule, an welche unter anderem pl\u00fcschige rosafarbene Hauspantoffeln genagelt wurden. Ich wei\u00df nicht, ob dieser Pfahl heilig ist, weil dies vielleicht die Puschen von Jesus Christus sind.<\/p>\n<p>Das Autoren-Podest befand sich in einer Ecke des Saales, in einer weiteren eine kleine Anlage, \u00fcber welche sogar relativ p\u00fcnktlich scheu\u00dfliche Musik erklang. Man nehme ein beliebiges Lied der 70er oder 80er, wahlweise auch \u201eRiders on the Storm\u201c, und spiele es auf einer m\u00f6glichst billigen Heimorgel nach. Dies war der Soundtrack zur Lesung, mit dem die Zuh\u00f6rer zwischen den einzelnen Vorlesern maltr\u00e4tiert wurden. Gl\u00fccklicherweise bestand die erste H\u00e4lfte der Veranstaltung vornehmlich aus Texten jenes \u201eTage-Bau\u201c-Projektes, welche die Verfasser selbst vorlasen. Zu deren Ehre muss ich gestehen, dass mir ein Gutteil der Texte sogar gefallen hat. Teilweise auch nicht, weil mich wenig interessiert, wie jemand ins Internet geht und nicht reinkommt. Besonders h\u00fcbsch war ein fiktiver Chat, in dem sich jemand als \u201ePapst Wojtyla\u201c ausgibt. Allerdings stellt sich die Frage, auf welcher Realit\u00e4ts-Ebene man sich bei einem fiktiven Chat befindet.<\/p>\n<p>Ein kurzer Exkurs: Es gibt ja die sogenannte \u201ereale Welt\u201c &#8211; falls jemand fragt, was das sein soll, m\u00f6ge er einfach mal f\u00fcr einen kurzen Moment versuchen, an seinem Monitor vorbeizuschauen. Ja, der Monitor, das ist das Ding, das du morgens als erstes siehst, wenn du die Augen aufschl\u00e4gst. Mittels des Monitors jedenfalls wird die \u201evirtuelle Welt\u201c sichtbar. Auch ganz okay, aber auf die Dauer sind virtuelle Schnitzel etwas zu kalorienarm und virtuelle Liebe zu wenig Rezeptoren anregend. Wenn man nun eine \u201evirtuelle virtuelle Welt\u201c erschafft &#8211; ist man dann wieder in der Realit\u00e4t? Klares Nein. Hat man die endg\u00fcltige Weisheit gefunden und kann als leuchtender Lichtstrahl gen Himmel der jeweils g\u00fcltigen Religion fahren? Auch nicht. Mir ist das eine Dimension zuviel. Lasst mich zur\u00fcckschweifen.<\/p>\n<p>Der Text \u00fcber den Papst war jedenfalls k\u00f6stlich, und dem fremden M\u00e4del neben mir hat er auch gefallen. Zum Abschluss las ein trocken aussehendes P\u00e4rchen, das sich im \u201eNetz kennengelernt hat\u201c &#8211; wie r\u00fchrend! &#8211; seine sehr lyriklastigen Passagen vor. Und sie lasen wunderbar. Von der Kolibrifrau. Sie lasen teilweise auf franz\u00f6sisch. Und auf italienisch. Von Buschwindr\u00f6schen und Anemonen. Am Anfang war es noch sch\u00f6n. Das M\u00e4dchen neben mir h\u00f6rte konzentriert zu und schloss die Augen. Die beiden lasen weiter. Das M\u00e4del \u00f6ffnete die Augen und starrte Jesu Latschen an. Und noch ein Tag aus dem Tage-Bau. Das M\u00e4del legte den Kopf in den Nacken und besah sich die Decke. Wieder wechselten die Stimmen einander ab. Das M\u00e4dchen verdrehte die Augen. Ein weiteres Abenteuer der Kolibrifrau. Die ersten Leute gingen und das M\u00e4del grinste. Ich grinste zur\u00fcck. Nach zirka einem Jahrhundert Buschwindr\u00f6schen, Kolibrifrau, auft\u00fcrmenden und einst\u00fcrzenden Felsw\u00e4nden endlich die Erl\u00f6sung. Es erscholl noch einmal die gegen das Genfer Abkommen versto\u00dfende Musik und die Lesung war beendet. Das M\u00e4dchen ging zu ihren Freundinnen.<\/p>\n<p>Ich wartete eine Weile, ob die angek\u00fcndigte Party tats\u00e4chlich in die G\u00e4nge kam. Es erwies sich, dass Musik von der Kassette, die aus Latino-Versionen von \u201eKraftwerk\u201c-Hits besteht, nicht unbedingt der Party-Einsteiger ist. So trank ich mein Bier aus, ging nach Hause und tr\u00e4umte von doppelt virtuellen P\u00e4psten in rosa Hauslatschen, die Buschwindr\u00f6schen f\u00fcr ihre Kolibrifrau pfl\u00fccken.<\/p>\n<p>Und wenn ihr jemanden gern habt, nehmt euer Herz in beide H\u00e4nde und macht was draus.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Woche w\u00fcnscht Leovinus.<\/p>\n<p>PS: Buchtipp der Woche: \u201e101 Gr\u00fcnde ohne Frauen zu leben\u201c von J.O.Haas aus der Serie Pieper f\u00fcr DM 14,90. Steht witzigerweise in der \u201eRatgeber\u201c-Ecke der Buchhandlung. Ein ausnahmslos witziges Buch, das ich gern selbst geschrieben h\u00e4tte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[154,157,158,156,155],"class_list":["post-252","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kolumnen","tag-berliner-zimmer","tag-kolibrifrau","tag-lesung","tag-restauration-walden","tag-tage-bau"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=252"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":331,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252\/revisions\/331"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}