{"id":225,"date":"2000-03-05T00:00:53","date_gmt":"2000-03-04T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=225"},"modified":"2013-06-21T14:38:33","modified_gmt":"2013-06-21T12:38:33","slug":"big-me","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/?p=225","title":{"rendered":"Big Me"},"content":{"rendered":"<p><!--more-->Cogito 03\/2000<\/p>\n<p>Vom 5.M\u00e4rz 2000<\/p>\n<p>lat.: co- + agito \u00bbeine Sache im Geist zusammenfassen\u00ab<\/p>\n<p>Big Me<\/p>\n<p>Hiermit starte ich einen einzigartigen Selbstversuch. Die kommenden einhundert Minuten verbringe ich v\u00f6llig abgeschnitten von der Au\u00dfenwelt. Um die Bedingungen zu versch\u00e4rfen, werde ich beobachten, wie ich esse, trinke, schlafe, den Job wechsle und mich selbst liebe. Wenn alles gut l\u00e4uft, gebe ich mir am Ende 2,50 DM, da muss ich dann nur noch 2,50 drauflegen und kann mir eine Schachtel Zigaretten kaufen. Riesenansporn das!<br \/>\nBespreche die Sache mit Helfgott, dem Kanarienvogel und beginne Spiegel zu sammeln. Im Badezimmer h\u00e4ngt ein gro\u00dfer Wandspiegel. Den Rasierspiegel nehme ich mit ins Wohnzimmer und stelle ihn neben den Fernseher. Der Flur ist ebenfalls pr\u00e4pariert, weil dort Omas Erbst\u00fcck steht, zwei mal ein Meter Spiegelfl\u00e4che d\u00fcrften gen\u00fcgen. Im Schlafzimmer \u00f6ffne ich den Kleiderschrank, der innen verspiegelt ist. In der K\u00fcche m\u00fcssen die Glast\u00fcren der H\u00e4ngeschr\u00e4nke gen\u00fcgen. Nun krame ich noch den Taschenspiegel meiner Ex aus dem Sekret\u00e4r und stelle ihn auf den Esstisch im Wohnzimmer. Als Clou positioniere ich meine Videokamera auf dem B\u00fccherregal und versuche, sie sofort zu vergessen. Helfgott hat sowieso einen Spiegel im Bauer. Ich starte die Kamera und stoppe die Zeit.<br \/>\nUm mich bei mir selbst beliebt zu machen, beginne ich mit Abwaschen. Ich kann ja sonst nichts, aber wenns ums Abwaschen geht, bin ich der Gr\u00f6\u00dfte! Schlage vor, abzuwaschen, wenn ich daf\u00fcr nicht das Klo putzen muss. Bin einverstanden und mir sofort sympathisch. Klappe auf, Geschirr rein, Tabs dazu, Klappe zu, Knopfdruck. Wahnsinn. Sch\u00e4tze, ich werde die hundert Minuten gut mit mir auskommen.<br \/>\nNach dieser Anstrengung muss ich mich hinsetzen und Zeitung lesen \u2013 Mist, keine Zeitung im Haus, nehme eine Packung Tempos und lese darauf. Ist spannend, aber zu kurz. Immer noch 90 Minuten, ich glaube, jetzt mache ich langsam schlapp. Die alten Flaschen m\u00fcssten weggebracht werden. Damit h\u00e4tte ich bestimmt f\u00fcnfzehn Minuten gewonnen. Nehme den Taschenspiegel und beeile mich, w\u00e4hrend ich im Hausflur bin, damit mir Schulze aus dem Parterre nicht \u00fcbern Weg l\u00e4uft.<br \/>\nSuper, man kommt jetzt auch leichter in die K\u00fcche.<br \/>\nGing trotzdem zu schnell, noch 73 Minuten \u00fcbrig.<br \/>\nJetzt k\u00f6nnte ein bisschen Fitness nicht schaden. Hab aber keine Hanteln im Haus. Renne schnell noch mal zum Flaschencontainer und hole zwei gro\u00dfe Sektflaschen raus. Beim Zur\u00fccklaufen schlie\u00dfe ich die Augen, da ich Schulze kommen h\u00f6re. Ich remple ihn voll an und sprinte die Treppen wieder hoch. Puh, das war knapp.<br \/>\nZiehe mir ein enges T-Shirt \u00fcber und gehe ins Bad. Dort f\u00fclle ich die Flaschen mit Wasser und mache vor den Spiegel Fitness\u00fcbungen. Versuche gl\u00fccklich und ganz in mich versunken auszusehen. Ich glaube, es gelingt mir. Noch eine Stunde.<br \/>\nWas zu Essen machen w\u00e4re gut. Wo ich doch jetzt an das saubere Geschirr ran komme. Schade, dass nichts im K\u00fchlschrank ist. Oder kann man aus Tiefk\u00fchlspinat, einer B\u00fcchse Ananas und zwei M\u00f6hren was Asiatisches kochen? \u00dcberlege, wieviel Essen man braucht, um hundert Minuten durchzustehen. Habe geh\u00f6rt, dass Milch wichtig ist. Weil man pro Tag zweieinhalb Liter trinken soll, schreibe gro\u00dfz\u00fcgig 0,17 Liter auf einen Zettel, wickele ihn um ein Markst\u00fcck und werfe dieses aus dem Fenster. Beobachte, was passiert.<br \/>\nErst schn\u00fcffelt ein Bernhardiner daran. Dann kommt eine Kr\u00e4he geflogen und pickt an dem Papier herum, sodass das Geld herausf\u00e4llt. Ein Junge trabt vor\u00fcber, hebt die Mark auf und latscht weiter. So war das aber nicht gedacht. Bekomme wieder Selbstzweifel.<br \/>\nWill schauen, wie lange mein Experiment noch dauert. Um Zeit zu schinden gehe ich erst ins Bad, und dann ins Wohnzimmer. Klasse, noch 49 Minuten. So, nun aber im Kochbuch was Asiatisches suchen &#8230; Finde nichts. Ob ich am Ende verhungert sein werde? \u00dcberlege, ob ich Helfgott essen muss. Und wie man ihn zubereitet. Finde auch dar\u00fcber nichts im Kochbuch. Noch 47 Minuten. Will stark bleiben.<br \/>\nWas war das? Das Telefon hat geklingelt! Hatte wohl vergessen, den Stecker zu ziehen. Werde ich jetzt disqualifiziert? Gehe nicht ran. Daf\u00fcr der Anrufbeantworter, der alte Verr\u00e4ter. Na, den werf ich auf jeden Fall in der n\u00e4chsten Runde raus!<br \/>\n\u00bbHi, Leo, hier ist Zippo. Ich denke, du wolltest dir einen gem\u00fctlichen Abend machen. Jaja, auf nichts kann man sich verlassen!\u00ab \u2013 Von wegen \u00bbgem\u00fctlicher Abend\u00ab. So eine Herausforderung w\u00fcnscht man seinem \u00e4rgsten Feind nicht! Und dass man sich auf mich verlassen kann, werde ich schon beweisen! Der wird staunen, wenn ich ihn in den n\u00e4chsten 43 Minuten nicht anrufe!<br \/>\nWill den Fernseher einschalten, zum Gl\u00fcck f\u00e4llt mir rechtzeitig ein, dass ich nicht fernsehen darf. Also Radio &#8230; geht ja auch nicht. Fange selber an zu singen. Bin aber unzufrieden, weil ich die hohen T\u00f6ne nicht halten kann. Au\u00dferdem ist singen doof, kaum bist du in der Hitparade, fliegst du wieder raus. Unter der Br\u00fccke m\u00f6chte ich nicht enden. Wenn ich allerdings die 2,50 gew\u00e4nne, w\u00e4re das egal.<br \/>\nNoch eine gute halbe Stunde. Beschlie\u00dfe, unter die Dusche zu gehen. War zwar erst vor zwei Stunden in der Wanne, aber nackte Haut kommt immer gut an. Bringt mich glatt f\u00fcnfzehn Minuten weiter. Ziehe mir den Bademantel an und sofort wieder aus. Gehe noch mal unter die Dusche. Das gibt Punkte. Da kann der Anrufbeantworter einpacken!<br \/>\nF\u00fcnf Minuten noch. Ob ich die auf dem Klo verbringe? Lieber nicht, kann mich dort nicht im Spiegel sehen. In den letzten Minuten rausgeworfen zu werden, w\u00e4re bitter.<br \/>\nGehe in die K\u00fcche und setze einfach Wasser auf. Das macht einen flei\u00dfigen Eindruck. Gr\u00fcble, was ich mit dem hei\u00dfen Wasser machen k\u00f6nnte und entscheide mich f\u00fcr Kaffee. Mann, bin ich heute kreativ! Schade, die Sahne ist alle. Gehe zur Nachbarin und klingle. Doch ehe sie aufmacht, f\u00e4llt mir ein, dass ich nicht mit ihr reden darf und springe in meine Wohnung zur\u00fcck. Sehe durch das verglaste Loch in der Altbaut\u00fcr, wie sie \u00f6ffnet. W\u00e4hrend ich mich frage, ob ich das darf, klingelt sie. Halte die Luft an. Sie klopft. R\u00fchre mich nicht von der Stelle, muss aber langsam wirklich dringend pinkeln. Sie versucht, von der anderen Seite durch den Spion zu linsen. Ich wei\u00df nicht genau, ob sie mich sehen kann. Versuche, meine Pupille ganz starr geradeaus schauen zu lassen. Sie dreht sich um und geht in ihre Wohnung zur\u00fcck. Auf der Schwelle sagt sie in den leeren Hausflur: \u00bbSchade. H\u00e4tte gern mit dir \u00bbBig Brother\u00ab geschaut. Ist n\u00e4mlich total spannend.\u00ab<br \/>\nSchaue auf die Uhr und z\u00e4hle die Sekunden. Geschafft! Gehe schnell aufs Klo und dann mit dem Kaffee zur Nachbarin. Habe dort irgendwie ein Deja-vue-Erlebnis. Sp\u00e4ter frage ich mich, wieso ihr Schlafzimmer voller Spiegel h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Erleichtert: Leovinus.<\/p>\n<p>(erschienen am 5.M\u00e4rz 2000 auf der Startseite der <a href=\"http:\/\/www.leselupe.de\">Leselupe<\/a>, sowie in der Anthologie &#8222;Fantasie mit Schneegest\u00f6ber&#8220; des Verlags Ferber &amp; Partner)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,6,9],"tags":[126],"class_list":["post-225","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2000-bis-2005","category-geschichten","category-kolumnen","tag-big-brother"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=225"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":326,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225\/revisions\/326"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=225"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=225"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.leovinus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=225"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}